Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Schlüsselbegriffe in interdisziplinären Forschungskontexten

Lara Elena Knop

Abstract

Kann Interdisziplinarität gelingen? Diese Frage lässt sich nicht theoretisch beantworten, aber es besteht wohl dahingehend Einigkeit, dass eine gelungene Kommunikation zwischen Akteuren wesentlich dazu beträgt. Also muss die Forschungsfrage lauten: Kann interdisziplinäre Kommunikation gelingen? Diese Frage wiederum ist nicht neu, doch die Antworten auf das interdisziplinäre Verständigungsproblem haben meist nur appellativen Charakter.

Eine institutionelle Ursache für die relative Funkstille zwischen den Disziplinen sieht Peter Gleichmann in der Professionalisierung der Wissenschaften, die Wissen zum Konkurrenzprodukt macht und auch Niklas Luhmann konnotiert Interdisziplinariät in der „Wissenschaft der Gesellschaft“ mit Reputationsmanagement.
Gleichwohl findet Forschung zunehmend unter dem Paradigma der Interdisziplinarität statt, ja tatsächlich scheint Interdiziplinarität sogar eine Voraussetzung zu sein, wenn es um die Einwerbung von Forschungsgeldern geht. Charakteristisch ist für fachbereichsübergreifende Forschungscluster die Formulierung eines Themas in Form eines bestimmten Begriffes, auf den sich alle Forscher beziehen können bzw. sollen. Die Grundannahme, interdisziplinäre Kommunikation baue auf anschlussfähigen oder mehrfach kodierten Kernvokabeln auf, legt es nahe, sich mit diesen Begriffen auseinanderzusetzen. Deshalb bilden sie den Gegenstand dieser Forschungsarbeit und werden als „Schlüsselbegriffe in interdisziplinärer Forschungskommunikation“ untersucht.

Unter Schlüsselbegriffen werden hier solche Begriffe verstanden, die interdisziplinär anschlussfähig sind, eine multidisziplinäre Verwendung haben und verschiedene Forschungs- oder Alltagsdiskurse wesentlich mitprägen. Globalisierung, Identität, Kultur(alisierung) oder aber der Interdisziplinaritäts-Begriff selbst sind nur einige der offensichtlichsten Kandidaten, die die gegenwärtige Forschungslandschaft prägen und (politisch gewollt) steuern. Sie können auch Verbindungsglieder zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bzw. zwischen Experten und Laien sein und somit Leitbildfunktionen übernehmen (Bsp.: Kultur, Integration). Ebenso können gesellschaftlich kurrente Begriffe in den wissenschaftlichen Fokus geraten und zum Expertenbegriff werden (Bsp.: Krise).

Methodisch stellt sich zunächst die Frage, wie Worte, die ganz offensichtlich das gesteigerte Interesse von Seiten unterschiedlicher Disziplinen und gesellschaftlicher Gruppen erfahren, zu behandeln sind. Wort- oder Begriffsanalysen, die den hier skizzierten Zusammenhang tangieren, fühlen sich allerdings entweder der Fachsprachenforschung bzw. der Terminologiewissenschaft zugehörig oder werden polemisch mit den „Plastikwörtern“ von Uwe Pörksen in Verbindung gebracht. Die Klassifizierung als Terminus im Sinne der Terminologiewissenschaft ist dabei die am stärksten regulierte und reglementierte Verwendung von Begriffen. Die Fachsprachenforschung unterscheidet zwischen Terminus und Fachbegriff (auch Fachwort, Fachausdruck). Der Fachbegriff wird auch als Terminus im weiteren Sinne bezeichnet und ist durch Gebrauchsdefinitionen besonders in nicht-akademischen Kontexten (Industrie, Handwerk) von zentraler Bedeutung für die Organisation von Betriebsabläufen. Mit der Berücksichtigung von Uwe Pörksens sprachkritischer Untersuchung über „Plastikwörter“ im Schlüsselbegriffskonzept soll auf die Gefahr der Verwässerung fach- oder wissenschaftssprachlicher Begriffe aufmerksam gemacht werden und zugleich vor einem allbeliebigen Einsatz solcher „Alltagsdietriche“, wie Pörksen seine Plastikwörter nennt, gewarnt werden.

Schlüsselbegriffe stellen also theoretisch gesehen eine Mischform aus Fachbegriff, Terminus und Plastikwort dar, weil sie als Fach- oder Wissenschaftsbegriffe eine Bedeutungs-, Kontext- und Interpretationsextension erfahren und in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und gesellschaftlichen wie politischen Dimensionen verwendet werden, um multiple Anschlusskommunikationen zu erzeugen. Gleichzeitig aber dürfen sie unter wissenschaftsethischen Gesichtspunkten nicht zu Leerformeln verkommen.

Mit dem Konstrukt des Schlüsselbegriffes verbindet sich die Hoffnung, eine Forschungslücke zu schließen, die erst mit dem Boom multidisziplinärer Forschungsverbünde evident geworden ist, aber bislang meist mit lexikalischen Abgrenzungen gelöst wird. Hier soll hingegen ein Konzept des Schlüsselbegriffes modelliert werden, das die positive Funktionalität hervorhebt und gleichzeitig die Gefahren der Bedeutungsegalisierung darstellt.