Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Empathie und Antipathie

Von der Perspektiveneinnahme zur Aufmerksamkeitsverweigerung

Dr. Susanne Schmetkamp

Abstract

Während Vorgang, Funktion und Grenzen von Empathie – Fremdverstehen – in den vergangenen Jahren vielseitig diskutiert wurden, sind mindestens zwei Aspekte unterrepräsentiert: Erstens, welche Arten von Perspektivwechsel in der Empathie vorkommen können. Und zweitens, mehr noch, ob Empathie auch in Antipathie umschlagen kann. Das Projekt wird Antipathie als ein ethisch, sozial und politisch zentrales, der moralischen Sympathie entgegenstehendes Konzept untersuchen.

„Empathie“ ist in den vergangenen Jahren zu einem Modebegriff geworden, der für vielfältige Formen des Fremdwahrnehmens und -verstehens steht: von der emotionalen Ansteckung über das Gedankenlesen bis zum moralischen Mitgefühl. Empathie, so ließe sich eine Minimaldefinition angeben, ist die Fähigkeit, mentale Vorgänge anderer Lebewesen nachzuvollziehen und zu verstehen. Kontrovers wird unter anderem diskutiert, was Empathie ist, wie sie ausgelöst wird und welches Ergebnis oder welcher Wert ihr zuzuschreiben ist, ferner welche ethischen Implikationen sie hat und wie sie mit moralischen Gefühlen wie dem Mitleid zusammenhängt. In dem Projekt sollen zum einen Varianten des empathischen Perspektivwechsels näher in den Blick genommen und zum anderen dann der Blick gewechselt werden zu einem verwandten, aber kaum untersuchten Phänomen, nämlich der Antipathie, als einem moralischen Gefühl der Nicht-Sorge, die diametral zur moralischen Sympathie als einer Sorge (concern) um das Wohl des Anderen steht. Antipathie, so eine der Hypothesen, ist unter anderem mit einer Aufmerksamkeitsverweigerung auf die Belange anderer und mit einem moralischen Gefühl der Abneigung verbunden. Sie kann als ein ethisch, sozial und politisch wichtiges Korrektiv, aber auch als ein mit Vorurteilen verbundenes Phänomen begriffen werden.

Das Projekt besteht aus zwei Phasen:

1) In der ersten Phase werden zwei Varianten des Perspektivwechsels untersucht, wie sie in der Debatte um Empathie (zum Teil nur vereinzelt ausführlich) diskutiert werden: Imagine-Self und Imagine-Other. Im Falle des Imagine-Self (ich-zentrierte Transposition) stellt die empathisierende Person sich vor, wie sie an der Stelle der anderen Person (oder einer fiktionalen Figur) fühlen oder handeln würde. Der evaluative Fokus der Aufmerksamkeit liegt hier zwar direkt auf der Situation der anderen Person, indirekt aber auf den eigenen Überzeugungen, Werten und damit verbundenen Emotionen. Im Falle des Imagine-Other (du-zentrierte Transposition) stellt sie sich vor, wie es ist, die andere Person zu sein. Die Aufmerksamkeit liegt hier auf der Perspektive der anderen Person mit den dazu gehörigen Weltanschauungen, Werten, Erfahrungen Charaktereigenschaften. Beide Varianten haben ihre epistemischen und ethischen Grenzen; gerade bei der letzteren ist evident, dass wir nur sehr selten (und selbst dann nie vollständig) die komplexe Perspektive Anderer vergegenwärtigen können. Jedoch bieten uns Kunst und insbesondere (fiktionale) Narrative in ihrer Verdichtetheit und Präfokussierung Möglichkeiten des anspruchsvolleren Prozesses der allozentrischen Transposition.  

2) In der zweiten Phase liegt der Fokus auf einem noch genauer zu entwickelnden Konzept der Antipathie. Entgegen der weitläufigen Annahme, Antipathie als einen spontanen Impuls des Nicht-Leidenkönnens (dislike) zu begreifen, soll sie als ein informiertes, moralisches Gefühl analog zur moralischen Sympathie konzeptualisiert werden.

Während einige Theorien zur Empathie davon ausgehen, dass Empathie bereits mit einer Sorge um das Wohlbefinden des Anderen verbunden ist, nimmt die Mehrzahl an, dass Empathie von einem Mitgefühl („sympathy“) eben genau darin zu unterscheiden ist, dass Empathie (noch) kein moralisches Engagement impliziert; bei der „sympathy“ geht es einem um das Wohlbefinden des Anderen um des Anderen willen (über dessen Lage wir ein moralisches Urteil fällen), es motiviert zum moralischen Handeln. Antipathie geht, so meine Überlegung, ebenfalls mit einem Urteil über den Anderen einher, das aber statt zu einem moralischen Handeln (zum Beispiel Helfen) zu einem Blockieren der Hinwendung zum Anderen oder sogar zu einer bewussten Aufmerksamkeitsverweigerung führt; während bei der Sympathie die moralische Aufmerksamkeit allozentrisch auf die Belange des Anderen gerichtet bleibt, kommt es bei der Antipathie nach einem Nachvollzug im Sinne eines Imagine-Other zu einer Rückkehr zum egozentrischen Standpunkt und zu einer Verweigerung, das Wohlbefinden des Anderen zur eigenen (Für)sorge zu machen.

Die Rolle von Antipathie soll problemorientiert angesichts aktueller sozialpolitischer Narrative am Beispiel der „Flüchtlingskrise“ angegangen werden: So ist beispielsweise mit der „Spendenflut“ ein Narrativ verbunden, das dem der „Kölner Silvesternacht“ diametral entgegen zu stehen scheint: Enthält das eine das Bild des empathiebegabten und engagierten „Gutbürgers“, der sympathetisch Menschen in Not hilft, so steht der andere Ausdruck paradigmatisch für das Bild eines übergriffigen, anstandslosen Flüchtlings, dem der „Wutbürger“ antipathisch gegenübersteht. Die ethisch-politisch brisante Frage hier ist freilich, welche antipathischen Gefühle problematisch sind oder welche von ihnen mögliche soziale, ethische, politische Berechtigungen haben. So wie eine nicht-informierte Sympathie zu einem herablassenden Mitleid führen kann, so kann eine oberflächliche Antipathie bloße Vorurteile schüren. Gibt es aber auch eine sinnvolle Antipathie?

Die Ergebnisse des Forschungsaufenthaltes werden in eine Einführung zu Theorien der Empathie (Junius-Verlag) und in einer Publikation zur Antipathie münden.