Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Haiti in der Weltordnung

Organisationaler Imperialismus und Autonomie

Peter Scheiffele

Abstract

Als wesentliche Akteure der Prozessierung von globalen Normen können Organisationen (internationale Organisationen, Regierungsorganisationen, NGOs, Gewerkschaften und multinationale Unternehmen) identifiziert werden. Die Zentralität von Organisation besteht vor allem darin, dass, erstens, Organisationen bedeutende Aktionszentren der Gesellschaft sind, zweitens, mittels Organisationen zentrale gesellschaftliche Strukturen hervorgebracht und reproduziert werden (wie z.B. sozialer Ungleichheit), und drittens, über Organisationen erst Probleme als gesellschaftlich relevante anerkannt werden. Hinsichtlich der Definition von globalen Problemen nehmen NGOs und ihre Akteure eine wichtige Funktion ein. Über sie werden neben Entwicklungs- und Modernisierungs-, Demokratie- und Menschenrechtsvorstellungen und Problemdefinitionen immer auch institutionelle Normen exportiert oder propagiert.

„Intergration“ findet in der modernen Gesellschaft vor allem über die Organisationsform statt. Gleichzeitig ist mit „Organisation“ auch eine spezifische Form der Integration benannt – die der „inkludierenden Exklusion“. Organisation, verstanden als aus dem westlichen Rationalitätsdispositiv entstandene historisch-spezifische Form der Regulierung menschlicher Kooperation, kann als dominante institutionelle Norm herausgestellt werden, mittels der andere Länder und Kulturen zur Anpassung und Übernahme „gezwungen“ (strukturelle Isomophie) werden, gleichzeitig werden dadurch auch alternative Kooperationsweisen verhindert, delegitimiert oder unterdrückt.

Anhand von Haiti, das das größte Pro-Kopf-Aufkommen von NGOs aufweist, wird einerseits aufgezeigt, welche Kräfteverhältnisse darüber entscheiden, dass bestimmte Normen und Entwicklungsvorstellungen in nationalstaatliche, aber auch internationale Kontexte mittels Organisationen transportiert werden, Geltung erhalten und somit alternative Entwicklungswege verhindern, und wie andererseits mit den Umsetzungsschwierigkeiten diese Normen auf regionaler/internationaler Ebene umgegangen wird. Um diese Kräfteverhältnisse näher zu bestimmen, werden die Akteure der Organisierung (NGO-Mitarbeiter) mit der Methode verstehender Interviews befragt. Als „Organisationsintellektuelle“ („Organizers“) leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Hegemonie der modernen Organisationsform.