Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Mikro-soziale Ordnungen junger Straßenhändler in Daressalam, Tansania

Alexis Malefakis

Abstract

Das Projekt untersucht empirisch das sozio-kulturelle Milieu junger Straßenhändler in Daressalam, Tansania. Die qualitative Ethnografie fokussiert auf die prozessuale Dialektik zwischen der Konstruktion von Identitäten und Rollentypen einerseits und Formen sozialer Integration und Desintegration andererseits. Besonders die kulturelle Stabilisierung von Identität im prekären Milieu des Straßenhandels und die Abhängigkeit dieser Identitätskulturen von sozialen Beziehungen und ausgehandelten kulturellen Sinnbezügen stehen im Zentrum der Forschung.

Als Teil des sogenannten „informellen Sektors“ stellt der Straßenhandel gerade für junge Menschen die oft einzige Möglichkeit dar, ein geringes Einkommen zu verdienen. Die Entwicklung des „informellen Sektors“ in Tansania kann auf strukturelle und historische Faktoren zurückgeführt werden. Die Ölpreis- und Weltmarktkrise der 1970er zwang Teile der Landbevölkerung in die Städte abzuwandern, wo die Absatzmöglichkeiten für Agrarprodukte besser waren. Strukturanpassungsprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds verlangten in den 1980er Jahren den Rückbau des öffentlichen Sektors im Zuge der wirtschaftlichen Liberalisierung, was viele Menschen ihre formale Beschäftigung kostete. Während dieser Phase wurden geschätzte 1,4 Millionen „informal sector enterprises“ ins Leben gerufen. Während 1991 der Anteil der „informellen“ Beschäftigung an der gesamten Zahl der Beschäftigten in Tansania auf 22 Prozent geschätzt wurde, mit einer Spitze von 56 Prozent in städtischen Regionen, schätzen einige Autoren heute diesen Anteil auf etwa 80 Prozent. Dabei stellt die Altersgruppe zwischen 15 und 34 Jahren mit 58 Prozent die größte Gruppe innerhalb des „informellen Sektors“ dar.

Viele junge Straßenhändler in Daressalam stammen aus ländlichen Regionen und versuchen in der Stadt selbstorganisiert ein Einkommen zu verdienen. Das Verkaufen von Wasser, Erdnüssen, Zigaretten, gebrauchter Kleidung, kleinen Snacks, Handy-Zubehör und allgemein Gütern des täglichen Bedarfs stellt für sie jedoch nicht das eigentliche Ziel ihrer Migration in die Stadt, sondern eine Übergangsphase dar, auf dem Weg zu einem imaginierten „guten Leben“ mit geregeltem Einkommen, gehobenem Lebensstandard und sozialem Ansehen. Dennoch wird das „Provisorium“ des Straßenhandels aufgrund mangelnder Alternativen und fehlender formaler Beschäftigungsmöglichkeiten für viele junge Straßenhändler zu einem „auf Dauer gestellten Provisorium“, d.h. eine oft viele Jahre andauernde Phase ihres Lebens.

Der Straßenhandel verlangt von den Akteuren das Erlernen von zwei antagonistischen Registern des Handelns, die im gleichen mikrosozialen Umfeld zur Geltung kommen: sozial-integratives und wirtschaftlich-strategisches Handeln. Die prekäre Situation auf der Straße macht die fortgesetzte Herstellung von Solidaritäten und die Risikominimierung durch Kollaboration mit anderen Straßenhändlern notwendig. Gleichzeitig müssen die Akteure eigennützige und strategische Motive verfolgen, um sich auf dem kompetitiven Markt der Straße durchzusetzen. In diesem Spannungsfeld handeln sie Normen der Kooperation, Solidaritäten und Sanktionen sowie Rollentypen und Identitäten aus und stellen so tagtäglich spannungsgeladene mikro-soziale Ordnungen her. Diese determinieren ihre Handlungsoptionen, rahmen ihre Identitätskonstruktionen und stellen als geteilte Sinnbezüge kulturelle Muster im Milieu des Straßenhandels dar.

Diese voraussetzungsreichen Prozesse der Integration und Desintegration junger Straßenhändler in das emergente sozio-kulturelle Milieu des Straßenhandels wird im vorliegenden Projekt theoretisch gefasst mit Bezug auf Konzepte der Sozialisation, des Lernens, der Theorie der Strukturierung, Theorien des Handelns und der Praxis sowie Theorien der Identitätskonstruktion. Im Zentrum der Untersuchung stehen emergente Rollentypen und Identitätsentwürfe, die als strukturale Ressourcen (Giddens) und damit als soziales Handeln determinierende strukturierende Momente verstanden werden.