Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Der dissoziale Jugendliche

Zur Geschichte der angewandten Psychoanalyse 1920–1933 (Arbeitstitel)

Jörg Martin Eggstein

Abstract

Das Projekt untersucht Theorien und Praktiken der therapeutischen Prävention des als drängend empfundenen Problems adoleszenter Dissozialität im bislang kaum beforschten Zusammenspiel der psychoanalytisch informierten Subdisziplinen der Kriminologie, der Psychohygiene und der Pädagogik bzw. der Fürsorgeerziehung der 1920er und frühen 30er Jahre.

Mit dieser Analyse kriminologisch-psychoanalytisch-psychohygienischer Netzwerke werden die Mechanismen eines psychoanalytisch inspirierten social engineering sichtbar. Am Beispiel des jugendlichen Straftäters, eines latenten Gewohnheitsverbrechers, soll ein spezifischer Zugang zu Devianz und Kriminalität behandelt werden, der sich stark von zeitgenössisch dominanten biologistisch argumentierenden Herangehensweisen unterscheidet: Anstatt in starren, dichotomen Krankheitsbegriffen zu denken, wird kriminelles Handeln als Endprodukt einer Devianz generierenden Pathologie begriffen, welche aus einer Störung der Persönlichkeitsentwicklung des juvenilen Subjekts resultiert.

Damit ergibt sich, so die These, ein spezifisches Interesse der angewandten Psychoanalyse am dissozialen Jugendlichen als Gegenstand einer „Nacherziehung zur Kulturfähigkeit“ (August Aichhorn), einer präventiven Behandlung mit Hilfe psychotechnischer Erkenntnis- und Erziehungsverfahren, mit der sich dieser wieder störungsfrei in die Gesellschaft integrieren können soll. Diese Praktiken treten, so wird weiter angenommen, vor dem Hintergrund einer Verschiebung der kriminologischen Orientierung auf, welche sich von einer mit Gefährlichkeiten korrelierten Verbrechertypologie hin zur Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Risiken der nur multifaktoriell zu erklärenden Entstehung und Entwicklung einer kriminellen Persönlichkeit hin bewegt.