Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Durchkreuzte Projektionen

Russland und der Westen im Spiegel des Balkans

Prof. Dr. Dr. Tanja Zimmermann

Abstract

Unterschiedliche negative kulturelle Projektionen aus Ost und West fanden im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Sammelbezeichnung „Balkan“ zu einer Einheit. Die zerstrittenen, korrupten und bankrotten Kleinstaaten, laut Reiseberichten ein „Pulverfass“, wurden wegen ihres „dissoziativen Weges“ zum Nationalstaat nicht nur als ein Derivat des europäischen „assoziativen“ nation building angesehen. Der Balkan, der sich auch in der oft vorkommenden pluralischen Form des Namens spiegelt (fr. les Balkans, engl. the Balkans, russ. Balkany), avancierte zum Ort, an dem sich verschiedene Begriffe des Sekundären – des Kopierten, des Abgeleiteten, des Retardierten, des Nachträglichen und des Simulakralen – in ihren diskursiven und nichtdiskursiven Repräsentationen manifestieren. Als Sackgasse, die von den Hauptwegen der Geschichte wegführt, ist er Ab-Weg und Un-Zeit zugleich.

Doch das Sekundäre aus der Sicht von Ost und West avancierte auf dem Balkan zu einer affirmativen Identität der summa partiorum, ja zu einer Balkan-Ideologie der Drittheit oder des Dazwischens auf der Grundlage der negativen Theologie (weder – noch), die nach dem Bruch mit Stalin 1948 als „dritter Weg“ und nach der Gründung der Bewegung der Blockfreien 1956 sogar politisch instrumentalisiert wurde. Die in Ost- und Westeuropa zirkulierenden kulturellen Imaginationen des Unbewussten und Verdrängten, die auf verschiedene Balkanregionen projiziert worden waren, wurden in den Dienst der eigenen Identitätsstiftung gestellt.

Im Forschungsvorhaben werden Balkan-Narrative in unterschiedlichen Medien seit dem Niedergang der philhellenischen Begeisterung für Griechenland 1830 bis zur gegenwärtigen post-jugoslawischen Periode untersucht, die auf der Grundlage der sich durchkreuzenden Projektionen aus Ost und West neue kulturelle Identitäts- und Raumkonzepte entwerfen.

Publikation

Cover

Der Balkan zwischen Ost und West. Mediale Bilder und kulturpolitische Prägungen, Wien Köln Weimar: Boehlau 2014 (=Osteuropa medial, Band 6).