Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Erfahrung ersparen

Gedankenexperimente und die Ursprünge der Wissenschaftsphilosophie des Wiener Kreises

Julian Bauer

Abstract

Mein aktuelles Projekt untersucht die Rolle von Gedankenexperimenten in Prozessen methodischer und epistemologischer Selbstvergewisserung der Natur- und Geisteswissenschaften vom späten 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Ausgehend von der Beobachtung, dass Gedankenexperimente in diesem Zeitraum zusehends als legitime wissenschaftliche Praktiken anerkannt wurden, werden Verhandlungen ihres epistemischen Status analysiert. Dieser Status verband sich mit der Frage nach einer angemessenen Abstraktion von unübersichtlichen Datenmengen und nach Möglichkeiten der Selektion kausal signifikanter Bedingungen kultureller und natürlicher Prozesse. Gedankenexperimente boten sich an, wollte man weder strikt deduktiv-nomologisch noch induktiv, weder rein idiographisch noch hermeneutisch verfahren. Sie konnten in heuristischer Hinsicht störungsfreie Idealsituationen bereitstellen, um Aufbau und Ablauf realer Experimente zu simulieren; in kritischer Absicht konnten sie dazu dienen, die veranschlagte Bedeutung von Handlungen/Ereignissen zu überprüfen, Handlungs- und Ereignisketten logisch zu rekonstruieren und mögliche Perspektivwechsel einzuleiten. Ziel des Projekts ist es, ausgehend von Ernst Machs paradigmatischer Position diese neuartige Rolle kontrafaktischer Gedankenexperimente als drittem Weg zwischen Erklären und Verstehen diskursgeschichtlich zu kontextualisieren und in ihrem praktischen Vollzug zu analysieren.