Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Von der Ökonomie der Sparsamkeit zur Aneignung der Produktionsmittel

Kollektive Wissensproduktion in Wien ca. 1880–1930

Dr. Monika Wulz

Abstract

Wie reagieren erkenntnistheoretische Überlegungen auf gesellschaftspolitische und naturwissenschaftliche Fragestellungen und Probleme? Auf welche Weise greifen Theorien des Wissens und der Wissenschaft ökonomische Modelle auf? Welche Bedingungen, Methoden und Ressourcen werden in einer bestimmten historischen Periode als Grundlage von Wissen und Wissenschaftlichkeit definiert?

Ziel dieses Forschungsprojekt ist es, die kollektiven Bedingungen von Wissen, wissenschaftlichem Denken und wissenschaftlicher Praxis in Wien ca. 1880-1930 zu untersuchen. Es soll die Entwicklungen wissenschaftstheoretischer Fragestellungen in dieser Periode in ihren spezifischen historischen Zusammenhängen mit naturwissenschaftlichen Methoden und Modellen als auch mit sozialen und politischen Entwicklungen verständlich machen. Zeitgenössische Überlegungen zu einer kollektiven Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sollen vor ihrem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund sowie im Kontext naturwissenschaftlicher Methodenprobleme in Mathematik, Physik, Astronomie, Biologie und Soziologie analysiert werden. Ausgehend von den methodischen Reflexionen des Philosophen und Wissenschaftshistorikers Edgar Zilsel (1891–1944) zu kollektiven Arbeitsweisen behandelt das Projekt ein breites Spektrum wissenschaftstheoretischer Ansätze aus dem Umfeld des Wiener Kreises (Otto Neurath, Philipp Frank), aus politischen Debatten im Umfeld des Austromarxismus, aus den Geschichts- und Sozialwissenschaften (Ludo M. Hartmann, Wilhelm Jerusalem, Paul Lazarsfeld, Marie Jahoda), der Volksbildungsbewegung sowie aus frühen soziologischen und ökonomischen Ansätzen im Umfeld von Ernst Mach (Emmanuel Hermann, Josef Popper-Lynkeus, Anton Menger). Im Zentrum des Projektes steht damit auch insbesondere die Etablierung kollektiver Methoden in den Geschichts- und Sozialwissenschaften in dieser Periode und ihr Zusammenhang mit naturwissenschaftlichen, ökonomischen und politischen Fragestellungen.

Während Ende des 19. Jahrhunderts Wissen ausgehend von einer Ökonomie der Sparsamkeit und ihren sozialen Voraussetzungen diskutiert wurde, traten ab 1900 Maßnahmen zur Ausdehnung sowohl von Wissen als auch von Methoden der Wissensproduktion in den Vordergrund. Die kollektiven Arbeitsformen in den empirischen Wissenschaften und die Arbeiterbildungsmaßnahmen im Roten Wien der 1920er Jahre ermöglichten es Frauen, in zunehmendem Maße an der Herstellung und Vermittlung von Wissen teilzunehmen. Mit Marie Reidemeister-Neurath, Ella Zilsel, geb. Breuer, Hilda Geiringer von Mises und Marie Jahoda seien nur einige der Forscherinnen genannt, auf die das Projekt eingehen wird.