Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Licht und Nichtlicht

Das optisch Ungewisse der Frühen Neuzeit

Prof. Dr. Stephan Gregory

Abstract

In dem Projekt geht es um eine Erkundung der Zusammenhänge von Licht, Wahrheit und Wissen in der Frühen Neuzeit. Ausgangspunkt der Betrachtung ist auf der einen Seite das Wissen vom Licht (wie auch die entsprechenden Formen der Unwissenheit oder des Nichtwissens), auf der anderen Seite das "Licht des Wissens", also Licht als Metapher des Wissens. Dabei handelt es sich darum, zwei Geschichten, die gewöhnlich separat erzählt werden – die Geschichte des (optischen, physikalischen) Wissens vom Licht und die Geschichte der (philosophischen, theologischen, literarischen, künstlerischen etc.) Lichtmetaphorik – als eine Geschichte zu behandeln, nämlich als Geschichte ihrer wechselseitigen Bestimmungen und Übertragungen.

So wie die Begriffe der Wahrheit und des Wissens durch die jeweiligen Weisen des im-Licht-Seins kontaminiert werden, gehen umgekehrt die Bestimmungen von Wahrheit und Wissen in die Lichtgestaltung ihrer Zeit ein: in die Theorien des Lichts ebenso wie in das Licht der Malerei, in die alltägliche Wahrnehmung des Lichts ebenso wie in die Konstruktion optischer Geräte. Eine Geschichte des im-Licht-Seins wäre also zugleich eine Geschichte des In-der-Wahrheit-Seins (und umgekehrt), und die Herausforderung liegt darin, herauszufinden, worin dieses „Zugleich“ besteht.

In dem vorgeschlagenen Projekt geht es darum zu verstehen, wie sich im 17. und 18. Jahrhundert Licht und Wahrheit neu konfigurieren, und zwar in wechselseitiger Abhängigkeit: Wenn es sich einerseits darum handelt, den Anteil des Unbegrifflichen in der philosophischen Begrifflichkeit zu bestimmen, so soll andererseits gezeigt werden, wie die neue Ordnung der Wahrheit (die Gründung von Wissen in der subjektiven Gewissheit) zugleich eine neue Ordnung des Lichts hervorbringt. Über den von Blumenberg ins Auge gefassten Bereich der theologischen, philosophischen und künstlerischen Lichtsymbolik und -metaphorik hinaus soll dies vor allem auch an den optischen Theorien, Geräten und Praktiken der Frühen Neuzeit überprüft werden. Eine vorläufige These wäre, dass die Wahrheitsproblematik der Epoche den optischen Dispositiven gleichsam eingebaut ist; in ihnen und an ihnen erprobt sich die auf subjektive Gewissheit ausgerichtete Erkenntnisordnung der Neuen Wissenschaft. Einerseits werden sie – wie z.B. das Fernrohr, das Mikroskop oder die Camera obscura – immer wieder als Zeugen der neuen Wahrheitsauffassung aufgerufen, werden als paradigmatische Verwirklichung einer objektiven, technisch korrigierten Erkenntnis ins Feld geführt. Andererseits müssen sie, um auf diese Weise als Wahrheitsmodell gebraucht werden zu können, auch entsprechend konfiguriert werden; sie müssen als Wissens- und Wahrheitsmaschinen gebaut werden. So wie also das neue „Licht des Wissens“ (die Einsetzung des menschlichen Verstandes als erkenntnisbegründendes lumen naturale) von einem bestimmten „Wissen des Lichts“ abhängig ist, so geht umgekehrt der erkenntnistheoretische Auftrag (die Repräsentation von Wissen für ein Subjekt) in die physikalischen Theorien des Lichts, in die optischen Berechnungen und Geräte sowie in den Praktiken des Sehens ein.

Dabei handelt es sich nicht einfach darum, die aus den Visual Studies geläufige These von der „Rationalisierung des Sehens“ auf die Theorien und Apparate des Lichts zu übertragen und die Geschichte des Lichts als die Geschichte seiner zunehmenden Zähmung, Berechnung und Entzauberung zu erzählen. Wenn es so etwas wie einen neuzeitlichen Willen zum Wissen gibt, und wenn eine seiner Anstrengungen darin besteht, sich das Licht als Erkenntnisinstrument gefügig zu machen, so wird der Einsatz einer historischen Betrachtung nicht nur darin bestehen, zu sehen, wie und auf welchen Schauplätzen sich eine solche Unterwerfung vollzieht, er wird auch darin bestehen, zu sehen, wann und wo sie nicht funktioniert.