Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Bildungswelten, soziale Ungleichheit und Kulturen der Ökonomie

Prof. Dr. Marius R. Busemeyer

Abstract

Der Schwerpunkt meiner Forschung liegt in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung und der vergleichenden politischen Ökonomie. Hierbei habe ich in den letzten Jahren einen besonderen Schwerpunkt auf die Analyse von Bildungspolitik gelegt, nachdem dieser Gegenstandsbereich lange Zeit in der Politikwissenschaft im Allgemeinen und der Sozialpolitikforschung im Besonderen vernachlässigt wurde. Bildung spielt im Hinblick auf die Frage der gesellschaftlichen Integration und Teilhabe eine zentrale Rolle. Bildungsentscheidungen, die von Individuen bzw. Familien getroffen werden, haben erhebliche Auswirkungen auf die spätere Verteilung von Lebenschancen und prägen das Inklusionspotential von Wohlfahrtsstaaten. Bildungsentscheidungen und vor allem die Einstellungen und Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger zur Bildungspolitik werden ganz wesentlich durch den institutionellen und kulturellen Kontext beeinflusst. Bildungsinstitutionen sind jedoch selbst Ergebnis von historischen und politischen Auseinandersetzungen und können somit nicht als rein exogene Faktoren betrachtet werden.

In meinem Arbeitsvorhaben möchte ich somit folgenden Fragen nachgehen:


1. Welche politischen und sozio-ökonomischen Kräfte haben historisch die institutionelle Ausgestaltung von Bildungssystemen geprägt?


2. Inwiefern beeinflussen Bildungsinstitutionen über Feedback-Effekte die Einstellungen und Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger zum Wohlfahrtsstaat und zum Bildungssystem und wie kann auf diese Weise Pfadabhängigkeit entstehen?


3. Welche Auswirkungen haben Bildungsinstitutionen auf das Ausmaß sozialer Ungleichheit in westlichen Wohlfahrtsstaaten?

Im Folgenden möchte ich dieses Vorhaben ausführlicher darstellen. Die Analyse der institutionellen Komplementaritäten zwischen Bildung und Sozialpolitik hat im Rahmen der „Varieties-of-Capitalism“-Debatte erheblich an Bedeutung gewonnen. In dieser Forschungsrichtung wird prinzipiell zwischen zwei unterschiedlichen Spielarten von Marktwirtschaften unterschieden: liberale und koordinierte Marktwirtschaften. Diese unterscheiden sich u.a. dadurch, dass in liberalen Marktwirtschaften wie den USA die Vermittlung von allgemeinen, akademischen ildungsinhalten im Vordergrund steht, während in koordinierten Marktwirtschaften (z.B. Deutschland) die berufliche Bildung einen hohen Stellenwert hat. Diese unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen haben Auswirkungen auf das Inklusionspotential von Marktwirtschaften. Insbesondere kann ein ausgebautes Berufsbildungssystem dazu beitragen, den Grad der sozialen Ungleichheit zu reduzieren, denn es ermöglicht Jugendlichen mit eher schwachen Bildungsqualifikationen den Zugang zu gut bezahlter und sicherer Beschäftigung.

In jüngster Zeit ist in der einschlägigen Literatur ein zunehmendes Interesse an der Erforschung der historischen Ursprünge unterschiedlicher Spielarten des Kapitalismus zu beobachten. Der Großteil dieser Forschung konzentriert sich auf die Periode der Industrialisierung. Im Gegensatz dazu möchte ich in meinem Projekt den Schwerpunkt auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts legen, denn, von wenigen Ausnahmen wie den USA abgesehen, begann die Expansion der post-sekundären Bildungswege (berufliche Bildung und Hochschulbildung) erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit einem historisch- institutionalistischen Analyserahmen möchte ich der Frage nachgehen, wie politische Akteurskonstellationen in dieser Phase der kritischen Weichenstellungen zur Ausprägung unterschiedlicher Entwicklungspfade geführt haben. Besondere Aufmerksamkeit widme ich dabei dem Wechselspiel zwischen parteipolitischen Kräften einerseits und dem sozio-ökonomischen Kontext (der „Spielart des Kapitalismus“) andererseits.

Zu diesem Zweck betrachte ich die Fälle Schweden, Deutschland und Großbritannien ausführlicher. Diese Länder repräsentieren nicht nur unterschiedliche Spielarten des Kapitalismus, sondern sind auch repräsentativ für die unterschiedlichen Welten des Wohlfahrtskapitalismus nach Esping-Andersen. Mit Hilfe von Quellenanalyse (z.B. Positionspapiere, Regierungsberichte, Policy-Papiere, etc.) und Sekundärliteratur zeichne ich die Entscheidungsprozesse nach, die der Verabschiedung von Bildungsreformen vorausgehen. Der Schwerpunkt der Analyse liegt in der post-sekundären Bildung (berufliche Bildung, Hochschulbildung), da diese unmittelbar arbeitsmarktrelevant sind und somit im Fokus der im VoC-Ansatz relevanten kollektiven Akteure stehen (Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände).

Nachdem sich das erste Teilprojekt vor allem mit der Phase der Pfadentwicklung in den Nachkriegsjahrzehnten beschäftigen wird, möchte ich im zweiten Teilprojekt der Frage nachgehen, welche kausalen Mechanismen die dauerhafte Stabilisierung von Pfaden erklären können. Zu diesem Zweck wird zum einen die Prozessanalyse von Bildungsreformen auf die Periode der institutionellen Anpassung in der gegenwärtigen Phase der Globalisierung und der zunehmenden fiskalpolitischen Austerität ausgeweitet. Zum anderen möchte ich allerdings auch verstehen, wie Bildungsinstitutionen die politischen Einstellungen und Präferenzen von Bürgerinnen und Bürgern beeinflussen. Wenn Institutionen einmal etabliert sind, beeinflussen sie nicht nur die strategischen Optionen von Akteuren, sondern vermittelt über kulturelle Faktoren auch die Einstellungen der Individuen. Dies hat Auswirkungen auf die Legitimität unterschiedlicher Politikoptionen und kann somit erklären, warum wohlfahrtsstaatliche Rückbaumaßnahmen in manchen Ländern erfolgreicher waren als in anderen.

Das dritte Teilprojekt, mit dem ich mich im Jahr 2013/14 intensiver beschäftigen möchte, ist die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Bildungsinstitutionen, der politischen Ökonomie und sozialer Ungleichheit. Auch hier gibt es eine große Forschungslücke. Die Bildungssoziologie befasst sich zwar intensiv mit den Auswirkungen von Bildungsinstitutionen auf Ungleichheit, aber hier geht es vor allem um die ungleiche Verteilung von Zugangschancen zu Bildung (Bildungsungleichheit). In der Ungleichheitsforschung der vergleichenden politischen Ökonomie hingegen geht es viel stärker um die ungleiche Verteilung von ökonomischen Ressourcen, v.a. Vermögen und Einkommen. Bislang ist noch nicht ausführlich untersucht worden, inwiefern Bildungsinstitutionen tatsächlich die Einkommensverteilung beeinflussen. Eine Ausgangshypothese wäre, dass es vor allem auf das Zusammenspiel verschiedener institutioneller Sphären ankommt (Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik; vgl. auch Busemeyer/Iversen 2012) statt auf die isolierte Einzelwirkung von Institutionen.

Publikation

Cover

Skills and Inequality. Partisan Politics and the Political Economy of Education Reforms in Western Welfare States. Cambridge: Cambridge University Press 2014