Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Communicating Revolt in the Dutch Republic

David de Boer

Abstract

Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen (1581–1795) hatte eine lange Geschichte der sozialen Aufstände. Weil sie selbst in einem Akt der Rebellion gegen den spanischen König entstanden war, gehörte die positive Bestätigung des Aufstands grundlegend zu ihrem Gründungsmythos und zur narrativen Festigung ihrer Identität. Darüber hinaus war die Republik eine außergewöhnliche Staatsform im frühneuzeitlichen Europa und das Verhältnis zwischen Untergebenen und Regierung war intensiv und äußerst komplex. Die Politik dieser Zeit war überwiegend dezentral organisiert und funktionierte idealerweise von unten nach oben. Auf Zentralisierungsbestrebungen der Regierung oder vermutete Tendenzen einer autoritären Herrschaft reagierte die Bevölkerung oft mit Widerstand.

Das Promotionsprojekt befasst sich vor dem Hintergrund dieser fruchtbaren Spannungen mit Darstellungen von Revolten in der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen und untersucht, wie soziale Unruhen sowohl von den Aufständischen als auch von staatlichen Organen kommuniziert wurden. Dabei erfoscht es die sich ändernden Auffassungen vom Verhältnis zwischen Staat und Bürger, staatsbürgerlicher Eintracht und sozialer Fragmentierung, Religion und Säkularismus, sowie Ideale der Fortschrittlichkeit und des Konservativismus. Außerdem untersucht das Projekt, welche Deutungen die Revolten in der Republik wiederum in der erweiterten Perspektive des europäischen Staatennetzwerks erfuhren. Dadurch zielt dieses Promotionsprojekt auf die Verknüpfung von Kultur-, Ideen- und Politikgeschichte.

Auf Grundlage ausführlicher Dokumente wie der zeitgenössischen Pamphlete, diplomatischer Aufzeichungen und Werken der politischen Philosophie, die sich nicht nur mit inländischen Unruhen, sondern auch mit zivilen Unruhen im Ausland befassen, möchte dieses Projekt die folgenden Fragen beantworten:

  1. Wie wurde politischer Dissens in den Niederlanden der frühen Neuzeit verstanden und kommuniziert und in welchem Zusammenhang stand dies mit den damaligen Vorstellungen von Gesellschaft und 'Staatskörper'? Theoretisch war das Volk in der res publica selbst an der Regierung, was komplexe Fragen nach Urhebern und Gegnern in den Revolten aufwarf. Die Untersuchung dieser Fragen sagt uns viel über die Herrschaftsvorstellungen und das Verhältnis zwischen den politischen Subjekten und den staatlichen Institutionen.
  2. In welcher Art und Weise hat vor allem der Achtzigjährige Krieg (1568-1648), den viele Historiker heute als Revolte identifizieren, zur weiteren Entwicklung der Vorstellungen von Rebellion und Revolte beigetragen? Wie wurden Erzählungen vergangener Revolten selbst beständig von den sozialen Gruppen geformt und umgeformt, die das Gedächtnis früherer Aufstände angesichts zeitgenössischer Revolten aufleben lassen wollten?
  3. Wie waren Revolten in die mediale Infrastruktur der Niederlande eingebettet und wie wurden sie in größeren internationalen Kommunikationsnetzen kommuniziert? Wie wurden inländische Revolten im Ausland wahrgenommen und beschrieben? Und wie haben ferner die Amtsträger und die verschiedenen sozialen Gruppen innerhalb der Republik von ausländischen Revolten erfahren, die ggf. auch die politischen Strukturen und die Frage nach politischer Legitimität im Inland beeinflusst haben?
  4. Wie änderte die Aufklärung die Vorstellungen von Revolte? Das Projekt wird aufzeigen, wie sich eine Gesellschaft, in der politischer Dissens in engem Bezug auf Traditionen und historische Privilegien legitimiert oder abgelehnt wurde, schließlich zu einer Welt entwickeln konnte, in der Fortschritt und Rationalisierung zum zentralen Begründungsmuster für oder gegen Revolten wurden.