Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Die verklungene Stadt

Eine Klanggeschichte Zürichs in der Sattelzeit (1750–1850)

Dr. Jan-Friedrich Mißfelder

Abstract


Das Forschungsprojekt avisiert eine Klanggeschichte der Stadt Zürich in der Sattelzeit (ca. 1750–1850). Am Beispiel einer Stadtgesellschaft im Ausgang der Frühen Neuzeit soll nachvollzogen werden, wie vielfältige Transformationsprozesse hin zur Moderne sich zu sensorischen, d.h. vornehmlich akustischen Erfahrungen verdichten. Das Konzept der Klanggeschichte zielt dabei weniger auf ein bislang vernachlässigtes Feld der historischen Forschung, sondern intendiert vielmehr die Etablierung einer alternativen „habit“ (Mark M. Smith), welche die Stadtgeschichte als ganze neu zu konzeptualisieren versucht. Das betrifft zum einen die Rekonstruktion des urbanen soundscapes, verstanden als vernetztes Kommunikations- und Mediensystem in einer vormodernen Anwesenheitsgesellschaft einerseits und der Historisierung der davon abhängigen akustischen Praktiken und Wahrnehmungsformen andererseits.

Es gilt, die akustische Kultur und „Akustemologie“, also die epistemologische und mediale Signatur akustischer Produktions- und Rezeptionsprozesse, der Sattelzeit exemplarisch herauszuarbeiten. Dies kann allerdings nicht im Rahmen eines panoramatischen Überblicks und mit Hilfe einer Inventarisierung aller hörbaren Klangereignisse geschehen. Im Zentrum stehen vielmehr Mikroanalysen der akustischen Erfahrung von spezifischen politischen Umbruchsituationen (Helvetik), wirtschaftlichen Innovationen (Industrialisierung) und kulturellen und medialen Transformationsprozessen. Indem diese nicht einfach als Hintergrund für Klangerfahrungen betrachtet werden, sondern in ihren je eigenen sensorischen Aneignungen untersucht werden, kann auch gezeigt werden, wie großformatige Transformationsprozesse tatsächlich (sinnlich) erfahrbar wurden. Es zeigt sich überdies, dass diese Aneignungen anderen Rhythmen folgen als zeitliche parallele soziale, ökonomische und politische Wandel der Gesellschaft. Die longue durée einer vormodernen sensorischen Kultur trägt hier über die angebliche Epochenschwelle 1800 hinweg und ermöglicht den historischen Akteuren zugleich, neuartige akustische Erfahrungen in einen stabilen kulturellen Horizont zu integrieren. Die klang- und sinnesgeschichtliche Perspektive erlaubt so einen differenzierten Blick auf multiple Modernisierungsprozesse, deren sensorische Aneignung verschiedene Zeitschichten etabliert.

Dies betrifft auch und vor allem die mediale Funktion des städtischen soundscapes. Hier zeigt sich vor allem eine andauernde Präsenz akustischer Kommunikationsformen und -funktionen, die charakteristisch sind für die mediale Situation frühmoderner Anwesenheitsgesellschaften: Glocken als vormodernes Massenmedium par excellence sowie akustische Präsenzmarkierung durch Besetzung öffentlicher Räume in „Geschrei und Aufruhr“. Daneben lassen sich aber auch Prozesse der zunehmenden akustischen Segmentierung, Privatisierung des Stadtraumes durch Zuweisung spezifischer Räume und Institutionen an spezifische klangliche Medien identifizieren, die dazu dienen, akustische Praktiken zu institutionalisieren, kanalisieren und neu zu verorten. Dies kann im Sinne Jacques Rancières als genuine Politik durch „partage du sensible“, also als Kampf um sensorische, d.h. vor allem akustische Artikulationsräume und -chancen interpretiert werden. Eine Klanggeschichte einer Stadtgesellschaft im Übergang zur Moderne trägt daher dazu bei, die Signatur des Politischen in der Vormoderne neu und schärfer zu fassen.