Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Stasis in griechischen Poleis des Hellenismus

Dr. Henning Börm

Abstract

„Staseis“, also Desintegrationsprozesse innerhalb eines Gemeinwesens, die oft in der physischen Vernichtung der Gegenseite gipfelten, sind unbestritten ein Leitmotiv der antiken griechischen Geschichte. Die Furcht vor Stasis war allgegenwärtig und eine treibende Kraft bei der Entwicklung der Polis in Archaik und Klassik, und die Ursachen dieser Bürgerkriege werden seit langem intensiv diskutiert. Typisch für Stasis im Sinne der historischen Forschung war eine tiefe Spaltung der Bürgerschaft in fast immer genau zwei verfeindete Lager, die häufig zu gewaltsamen Versuchen führte, die jeweils andere Parteiung physisch – durch Tötung oder Verbannung – aus der Polis zu entfernen. Die „Folgekosten“ und Konsequenzen einer solchen Eskalation allerdings waren ihrerseits hoch, da der Wunsch der Hinterbliebenen bzw. der Verbannten nach Rache stets wie ein Damoklesschwert über dem Gemeinwesen schweben musste.

Die Bedeutung von Stasis für das Verständnis der griechischen Polis ist unbestritten. In der Vergangenheit hat man sich dabei vor allem mit der Frage nach den Ursachen der Konflikte befasst. Wenn man die Forschung zur Stasis überblickt, so ergibt sich allerdings unausweichlich der Eindruck, es handle sich um ein auf die archaische und klassische Zeit begrenztes Phänomen. Bürgerkriege und Spaltungen in Poleis zwischen Sizilien und Syrien lassen sich aber im Gegensatz hierzu auch für die gesamte Zeitspanne vom Tod Alexanders des Großen 323 v. Chr. bis zur Annexion des Ptolemäerreichs durch die Römer 30 v. Chr. beobachten, also für jene drei Jahrhunderte der griechischen Geschichte, die man gemeinhin den Hellenismus nennt.

Bis in die 1980er Jahre dominierte international die Überzeugung, die „bedeutende“ Zeit der Polis sei mit Philipp II. und Alexander dem Großen an ihr Ende gelangt. Aus diesem Grund erfolgte lange Zeit keine politisch-strukturgeschichtliche Analyse der hellenistischen Polis. Spätestens im Verlauf der 1990er Jahre hat sich allerdings die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Polis im Hellenismus keineswegs ihre Bedeutung und Vitalität verloren hatte. Die Konsequenzen für das Phänomen der Stasis sind allerdings bislang nicht gezogen worden. An dieser Stelle setzt mein Habilitationsprojekt an: Indem es die hellenistische Polis mit dem Problem des Bürgerkrieges in Verbindung setzt, betritt es Neuland. Dabei wird Stasis als ein Phänomen begriffen, dessen Untersuchung nicht nur wichtige Rückschlüsse auf den umstrittenen Charakter der hellenistischen Polis ermöglicht, sondern vor allem auch auf die Gesetze des politischen Diskurses selbst. Dabei werden Strategien der Delegitimierung von Machtverhältnissen und der damit verbundenen Legitimierung interner Gewalt in antiken Anwesenheitsgesellschaften im Mittelpunkt stehen.

Die Beilegung von Staseis erwies sich zumeist als sehr schwierig. Versuche, durch Vermittlung, Verschweigen und „Vergessen“ (amnesía) eine Befriedung zu erreichen, glückten keineswegs immer; und die literarische Überlieferung erwähnt mehrere Fälle, in denen auch heiligste Eide gebrochen wurden. Gelang eine Versöhnung nicht, so blieben im Grunde nur drei Optionen – die Tötung aller relevanten Vertreter der Gegenpartei (was Rache provozieren musste), ihre Verbannung (was zur steten Angst vor der Rückkehr der Vertriebenen führen musste) und schließlich der Gewaltverzicht durch äußeren Druck. All diese Strategien lassen sich für den Hellenismus konstatieren.

Die Beilegungsstrategien verweisen aber zwangsläufig zugleich auch auf die Konzeptionalisierung des Phänomens durch die politischen Akteure. Denn erfolgreiche Instrumente der Befriedung müssen soziale Plausibilität besitzen. Zwar bieten die Quellen meist nur wenig Anhaltspunkte für die präzise Rekonstruktion der inneren Konflikte in ereignisgeschichtlicher Hinsicht, doch lässt sich die Art und Weise, wie Stasis wahrgenommen und erklärt wurde, insbesondere in der literarischen Überlieferung durchaus greifen. Damit lässt sich ein diskursives Profil der inneren Kriege in den griechischen Poleis im Hellenismus erstellen: Wie wurde von welchen Akteuren über Stasis gesprochen? Wie wurde das Phänomen rezipiert, wie wurde es erklärt? In welchen Zusammenhängen thematisierte man Staseis? Zu klären ist hierbei auch der Einsatz von „Stasis“ als politischem Kampfbegriff. Wer als Gegner der herrschenden Verhältnisse galt, konnte bezichtigt werden, sein Handeln führe die Polis in die größtmögliche Katastrophe, den Bürgerkrieg.

Fest steht, dass sich die Umwelt der Poleis durch die Etablierung der hellenistischen Monarchien signifikant verändert hatte und mit dem Vordringen Roms in den Osten ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. nochmals entscheidende politische und soziale Umwälzungen eintraten. Waren diese Entwicklungen aber auch relevant für Ursachen, Verlauf, Häufigkeit und Rezeption von Staseis? Veränderten sich die Handlungsoptionen der Akteure im Hellenismus? War es nun leichter, sich an äußere Partner – Könige oder koina – anzulehnen; stabilisierte dies eine herrschende Elite, oder wurde die Lage in den Poleis im Gegenteil destabilisiert, da beide Gruppierungen auf die Hilfe rivalisierender äußerer Mächte hoffen konnten? Führten ökonomische Veränderungen, etwa die Expansion von Geldwirtschaft und Handel im Hellenismus, zu größeren sozialen Spannungen? Oder muss Stasis vielmehr unabhängig hiervon und epochenübergreifend als ein Strukturmerkmal der Polis oder gar als eine Konstante der antiken griechischen Gesellschaft gelten, verursacht unter anderem durch eine nachgerade konzeptionelle Unfähigkeit, Macht auf legitime Weise auszuüben?

Die Frage lautet also, ob man es mit „Stasis im Hellenismus“ zu tun hat, also einer im Grunde bruchlosen Fortsetzung der aus Klassik und Archaik bekannten Phänomene, oder vielmehr mit typisch „hellenistischen Staseis“, die sich strukturell und diskursiv von jenen der früheren Epochen unterscheiden lassen. Die Konsequenz einer wie auch immer gearteten Antwort ist nach meiner Auffassung elementar für unser Verständnis der griechischen Geschichte.