Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Christen und Muslime im 9. Jahrhundert in Italien und Spanien: Konflikte, Kontakte und Wahrnehmungen

Dynamische und institutionelle kulturelle Faktoren zur Formierung Europas

Prof. Dr. Klaus Herbers

Abstract

Das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen ruft gegenwärtig zahlreiche Diskussionen hervor, in die immer wieder – meist warnend oder legitimierend – die historische Dimension mit einbezogen wird. Allerdings muss die notwendige historische Auseinandersetzung tiefer gehen und kann dabei an neuere, grundlegende wissenschaftliche Beiträge oder Zuspitzungen anknüpfen. Die Annahme, dass Zusammenleben von religiösen Gruppen unter bestimmten Voraussetzungen meist zu gewalttätigen Konflikten führte, erhielt durch Diskussionen um die grundsätzliche Frage von Gewalt und Gewaltbereitschaft in den Monotheismen (z. B. Jan Assmann) weitere Nahrung. Ebenso wurde kürzlich die These des fruchtbaren Kultur- und Wissenstransfers zwischen Christen und Muslimen in Frage gestellt (z. B. Silvain Gouguenheim), was heftigen Widerspruch seitens der Forschung hervorrief.

Das historische Projekt zielt auf eine zeitliche und räumliche Präzisierung des Themenfeldes, um damit Stellung zu Diskussionen über Gewaltbereitschaft in Monotheismen, zu friedlichem Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen, aber auch zu Fragen der Formierung Europas zu beziehen. Zeitlich nimmt es Konfrontation und Kontakt von Christen und Muslimen im 9. Jahrhundert in den Blick. Die Beschränkung auf diese Zeit eröffnet einerseits die Möglichkeit, auf der Iberischen Halbinsel Außen- und Innensichten, arabische und christliche Quellen, zu vergleichen, und andererseits auch die Chance des Vergleichs der Iberischen Halbinsel mit Italien zu nutzen. Italien war seit dem beginnenden 9. Jahrhundert immer wieder von muslimischen Gruppen attackiert worden, wobei die Konflikte partiell von Kontakten begleitet waren. Für beide Gegenden steht im Untersuchungszeitraum eine historiographische und briefliche Überlieferung zur Verfügung. Diese Ausgangslage erlaubt es, die einzelnen Aspekte von Konflikt und Kontakt mit der gebotenen quellenkritischen Vorsicht zu untersuchen und ebenso die Wahrnehmung des jeweiligen Gegenübers kritisch zu vergleichen.

Kontextualisierte Einzelfallanalysen werden Phasen und Bezugsrahmen des Zusammenlebens auf den Prüfstand stellen, um gegebenenfalls Zusammenhänge zwischen Konflikten und Kontakten zu festzustellen. Berücksichtigt werden müssen dabei die Perspektivität der Quellen sowie die Probleme von Erinnerung und Memorik. Die Konstruktion von Fremd- und Feindbildern in den Quellen ergibt nicht nur allgemeine Befunde zur Wahrnehmungsgeschichte, sondern erlaubt zugleich, Fragen nach der Bedeutung von Historiographie für die jeweiligen Autoren bzw. die dahinter stehenden Institutionen zu stellen. Die verschiedenen Quellencorpora verdienen weiterhin einen quellenkritischen Vergleich, zumal historiographische und briefliche Zeugnisse schon auf den ersten Blick Unterschiede erkennen lassen. Solche Untersuchungen können zu Antworten auf die Frage beitragen, wie langfristige Prägungen im Verhältnis der Christen zu den Muslimen durch die Überlieferung bedingt wurden. Dabei ist die in den bisherigen Abhandlungen oft nicht differenzierte Begrifflichkeit (religiöse vs. gentile Ausdrücke) im Blick zu behalten. Die zu erwartenden Ergebnisse des Vergleichs tragen aber nicht nur zu den Leitfragen von Konfliktbereitschaft und Kontakten bei, sondern auch zu Fragen der Formierung eines christlichen Lateineuropa oder zu Aspekten von Institutionalisierung, Bürokratisierung und Professionalisierung im Zusammenhang mit Fragen der Kontingenzbewältigung.

Hinzu tritt die Frage, inwieweit ein christliches Lateineuropa von den Grenzen der (keinesfalls kohärent bestehenden) christianitas überhaupt sinnvoll konstruiert werden kann. Dieser Beitrag zu den Diskussionen über die mittelalterliche Entstehung Europas betrifft unterdessen auch Fragen der Umgestaltung der Mittelmeerwelt, denn die klassische und vielfach kritisierte und differenzierte These von Henri Pirenne, dass die muslimische Expansion und der Aufstieg der Karolinger zusammenhingen, wirkt weiter nach. Vor diesem Hintergrund sind die wirtschaftlichen und weiteren Kontakte zwischen christlich und muslimisch dominierten Herrschaften zu würdigen. Ein Ergebnis der Studie könnte dabei sein, dass religiöse Hintergründe im pragmatischen Handeln ein weniger großes Gewicht besaßen als heute meist vorausgesetzt.