Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Die Zeit der Vernetzung

Soziotechnische Zeitordnungen unter der Bedingung digitaler Medien

Prof. Dr. Isabell Otto

Abstract

Die Temporalität gesellschaftlicher und kultureller Vorgänge hat sich mit der digitalen Vernetzung grundlegend verändert. Das wird besonders innerhalb der ständig wachsenden Communities sozialer Netzwerke wie Facebook, YouTube oder Twitter spürbar – aber nicht nur dort: Einer Zeit der Vernetzung kann sich nicht einmal entziehen, wer sich gegen ein Smartphone entscheidet und damit auf eine möglichst lückenlose Konnektivität verzichtet. Nachrichten, die so schnell durch technische Netze verschickt werden, dass ihre Übermittlungsdauer fast nicht mehr wahrnehmbar ist, Videobotschaften, die nahezu in Echtzeit dokumentieren, was sich auf der anderen Seite des Erdballs abspielt, Gerüchte oder Appelle, die, binnen Sekunden weitergleitet, weltweit auf Displays erscheinen, sind Teil unserer technologisch geprägten Umwelt – egal ob wir stets online sind oder nicht. Die Zumutungen einer Medienkultur der Vernetzung, die mehr und mehr in den Fokus einer öffentlichen Debatte rücken, sind in ihrer zeitlichen Dimension besonders augenfällig: Die Angst vor den Schattenseiten einer kontinuierlichen Erreichbarkeit, unablässigen Kommunikation oder lückenlosen Produktivität und die Sorge vor geheimdienstlicher Überwachung sämtlicher Internet-Aktivitäten eint das Ringen um Unterbrechungen, die Suche nach sich vorübergehend eröffnenden Nischen oder Auszeiten.

Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Lage unternimmt das Projekt eine medientheoretische und praxeologische Untersuchung der Zeit der Vernetzung. Im Mittelpunkt steht die mediale Bedingung von Zeitordnungen. Damit sind zwei Ebenen einer Zeit der Vernetzung angesprochen: Zum einen die Zeit als Ergebnis einer Praxis (‚doing time‘). In den Blick rücken soziotechnische Handlungszusammenhänge oder -optionen, die temporale Strukturen und Synchronisierungen hervorbringen. Welche neuen Zeitordnungen werden durch digital vernetzte Medien ermöglicht oder im Sinne von Strategien der Bewältigung oder des Entzugs herausgefordert? Zum anderen geht es um die Zeit als Passage oder Werden, die sich in der Prozessualität digital vernetzter Medien wiederfindet. In welcher Hinsicht bedingt und beschränkt der stete Fluss einer technologisch geprägten Umwelt die Herausbildung von Zeitordnungen? Zentrales Anliegen der Untersuchung ist es, das Wechselspiel dieser beiden Ebenen einer Zeit der Vernetzung gerade in seinen Paradoxien zu untersuchen. Unter der Bedingung digitaler Medien wird sicht- und beobachtbar, dass sich Zeitordnungen in einem Spannungsverhältnis zwischen ständigem Prozess und vorübergehender Stabilisierung bewegen. Im Echtzeit-Strom der Twitter-Mitteilungen kann sich z.B. nur vorübergehend ein Kollektiv synchronisieren, indem es seine Mitteilungen über einen kategorisierenden Begriff (Hashtag) filtert und aufeinander abstimmt. Praktiken der Temporalität beziehen sich auf die Zeit des digitalen Prozesses, der gleichzeitig ihre grundlegende Bedingung bildet. Sie produzieren ‚vorübergehend-dauerhafte‘ Zeitordnungen und somit temporär mit sich in der Zeit identische Individuen und Kollektive. Die Forschungsfrage zielt damit auf die Bestimmung der medienökologischen Grundlage von soziotechnischen Zeitordnungen.

Die Untersuchung verschränkt in einzelnen Fallstudien eine Beschreibung von Praktiken mit medien- und zeittheoretischen Annäherungen an diese Forschungsfrage. Die Einzeluntersuchungen finden ihren jeweiligen Ausgangspunkt

  1. in Kollaboration und Time-Sharing in der Pionierzeit vernetzter Computer,
  2. in der Synchronisierung menschlicher und technischer Akteure in temporalen Interfaces,
  3. in der Zeitlichkeit von Webcam-Bildern und der Frage nach der Darstellbarkeit von Zeit,
  4. in den Kontroversen um das temporale Regime einer einheitlichen Internet Time,
  5. in den Erinnerungskulturen und flexiblen Zeitordnungen des Twitterns sowie
  6. in der Einführung des Benutzerprofils Facebook Timeline, hier besonders in Individuationsprozessen und Identitätspolitiken.

Dass dabei ein Bogen von früher Computertechnologie in der Mitte des 20. Jahrhunderts zum Design einer Social Networking Plattform im Jahr 2011 gespannt wird, geschieht nicht um eine teleologische Entwicklung einer Zeit der Vernetzung zu behaupten. Die Anordnung der sechs Fallstudien soll jedoch den Blick auf die Geschichtlichkeit des Internets, auf das Zeitalter einer Vernetzungskultur und damit auf eine dritte Ebene einer Zeit der Vernetzung lenken, die sich in Diskurspraktiken herausbildet. Historiographische Beschreibungen wie die Rede von einer Frühphase des Internets oder der Umstellung auf das so genannte ‚Web 2.0‘ bilden weitere temporale Formierungen, die sich als Ordnungsstrukturen auf die Zeitlichkeit des digitalen Prozesses richten. Entlang dieser historiographischen Zeitpraktiken verfolgt die Untersuchung die Herkünfte der aktuellen Vernetzungskultur. Es gilt zu zeigen, dass mit der digitalen Vernetzung Zeitordnung und Geschichte keineswegs obsolet werden. Im Gegenteil: Die Zeit der Vernetzung fordert uns umso mehr zu einer temporalen Ordnung heraus – gerade weil diese nur vorübergehend stabil ist.