Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Integrationsprobleme in der asymmetrischen Gesellschaft

Länderspezifische und ländervergleichende Fallstudien

Prof. Dr. Peter Preisendörfer

Abstract

In seinem einflussreichen Buch „Asymmetric Society“ charakterisiert James Coleman Gesellschaften als soziale Gebilde, die aus zwei Typen von Akteuren bestehen: aus individuellen Akteure IA auf der einen Seite (Bürger, Kunden, Arbeitnehmer etc.) und korporativen Akteuren KA auf der anderen Seite (staatliche Einrichtungen, Bürokratien, Unternehmen etc.). Im Vergleich zu den IA-IA- und den KA-KA-Beziehungen seien – so Coleman – die Beziehungen zwischen den beiden Akteurtypen, also die IA-KA-Beziehungen, aus einer Reihe von Gründen besonders prekär und problembehaftet. Die beiden Akteurtypen haben eine unterschiedliche interne Funktionslogik, die individuellen Akteure sind primär hin auf IA-IA-Beziehungen sozialisiert, und vor allem: es besteht zumeist ein ausgeprägtes Machtgefälle dergestalt, dass die korporativen Akteure sehr viel ressourcenstärker sind als die individuellen Akteure und deshalb die Austauschbeziehung einseitig zu ihren Gunsten ausgestalten können.

Colemans generelle Position in diesem Zusammenhang läuft darauf hinaus, dass es einer „Restitution individueller Macht“ bedürfe, d.h. die Macht korporativer Akteure müsse begrenzt und den individuellen Akteuren müssten strukturell und situationsbezogen mehr Rechte und Einflussmöglichkeiten in den jeweiligen Transaktionsbeziehungen eingeräumt werden. Wie das konkret geschehen könnte, erläutert er an einer Reihe von Beispielen. Insgesamt freilich bleiben bei Coleman die Situationsdiagnose, die Ursachenanalyse und auch die „Veränderungsvorschläge“ relativ idiosynkratisch, so dass detailliertere Fallstudien und spezifische Vorschläge, die auf konkrete korporative Akteure abzielen, notwendig erscheinen.

Im Rahmen meines Fellowships am Kulturwissenschaftlichen Kolleg möchte ich in zwei Bereichen auf eine Vertiefung der Colemanschen „Asymmetric Society“ hinarbeiten:

  1. eine konzeptuell-theoretische Erweiterung und
  2. eine empirische Anreicherung durch Fallstudien.

Beides würde ich mit Blick auf die vom Cluster vorgeschlagene Konzeption unterschiedlicher „kultureller Modellierungen von Hierarchie“ unternehmen. Weiterhin bietet sich eine Eingliederung in den Schwerpunkt zur Bürokratieforschung an.

Jenseits von Colemans asymmetrischer Gesellschaft spielen Integrationsprobleme mit Bezug auf das Spannungsverhältnis von individuellen und korporativen Akteuren auch bei anderen Sozialtheoretikern eine wichtige Rolle. Dies wird allerdings erst dann sichtbar, wenn man in Rechnung stellt, dass deren Begrifflichkeiten und theoretische Ausgangsprämissen oft recht anders sind als die von Coleman. Coleman entwickelt seine Vorstellungen vor dem Hintergrund einer individualistischen Sozialtheorie, speziell aus dem Blickwinkel der Rational-Choice-Theorie, und hat in erster Linie westliche Gesellschaften vor Augen. Es erscheint lohnenswert zu überprüfen, ob und inwieweit sich die Sichtweise von Coleman erweitern und vertiefen lässt, indem man inhaltlich ähnlich gelagerte Arbeiten von Sozialtheoretikern wie Niklas Luhmann (Systemvertrauen), Talcott Parsons („pattern variables“), George Ritzer (McDonaldisierung) oder auch noch einmal Max Weber (Bürokratie, Rationalisierung) mit der Brille der „asymmetric society“ rekapituliert.

Empirisch operiert Coleman mit Beispielen, die ergänzungs- und vertiefungsbedürftig sind. Dieser Vertiefungsaufgabe möchte ich mich zuwenden, indem ich mich um detailliertere qualitative Fallstudien bemühe. Diese sollen Erfahrungen und Probleme von individuellen Akteuren im Umgang mit korporativen Akteuren charakterisieren und typisieren und darauf aufbauend Vorschläge in Richtung Restitution individueller Macht unterbreiten. Das Besondere an den angedachten Fallstudien ist noch die Zusatzthese, dass ich davon ausgehe, dass insbesondere sozial schwache und unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen Probleme im Umgang mit korporativen Akteuren haben.

Die Fallstudien, die ich konkret im Auge habe, erstrecken sich auf drei Bereiche: Schwierigkeiten und Probleme von Arbeitslosen im Umgang mit dem Arbeitsamt, Erfahrungen von Migranten im Umgang mit den „Ausländerbehörden“, Behandlung von Bürger/innen durch die Polizei. Diese Studien, die stets die subjektive Perspektive der individuellen Akteure in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, sind zunächst auf den deutschen Kontext bezogen und mithin länderspezifisch. Aber es sollen auch Möglichkeiten ausgelotet werden, Fallstudien im Ländervergleich zu initiieren (z.B. Bürger-Polizei-Beziehungen in verschiedenen Ländern). Naheliegend dabei ist, während meines Aufenthalts in Konstanz den Blick zunächst auch in die Schweiz zu richten – ein Land, in dem das Bewusstsein für das Erfordernis einer behutsamen Ausgestaltung der IA-KA-Beziehungen vergleichsweise ausgeprägt zu sein scheint. Was die Berücksichtigung weiterer und auch kulturell kontrastreicherer Länder anbelangt, setze ich darauf, dass sich Kooperationsgelegenheiten am Kulturwissenschaftlichen Kolleg ergeben.