Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Das soziale Imaginäre marginaler Ökonomien

Geschichten vom Teufelspakt in nordwestargentinischen Zuckerplantagen

Prof. Dr. Kirsten Mahlke

Abstract

Mein Forschungsprojekt widmet sich der kultur- und erzähltheoretisch dimensionierten Frage, wie die Geschichte der Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialbeziehungen in nordwestargentinischen Zuckerplantagen mit einer spezifischen mündlichen, ethnologisch dokumentierten Erzähltradition über einen Teufelspakt mit dem Dämon „El Familiar“ zusammen hängt.

Der Plantagenbesitzer, so erzählt man sich bis heute, hätte mit dem Teufel einen Pakt geschlossen, der ihn verpflichtete, dem „Familiar“ einen Arbeiter pro Ernte zum Fraß zu geben, während der Teufel dem Plantagenbesitzer im Gegenzug großen Reichtum verspricht. Die Teufelspakt-Mythe ist seit den 1880er Jahren exklusiv in den Zuckerregionen nachweisbar. Sie scheint eine Folk-Theorie über das Funktionieren kapitalistischer Wirtschaftssysteme zu sein, die sich an einem ökonomischen Ort der Peripherie herauskristallisiert hat, wo gewaltvolle, repressive und ausbeuterische Praktiken den Kern der sozialen Beziehungen des Alltagslebens ausmachten. Dazu gehört unter anderem die Praxis des Verschwindenlassens, lange bevor diese im lateinamerikanischen politischen Begriffsrepertoire der 1970er Jahre auftauchte.

Der Mythenkomplex des „Familiar“ ist geeignet, eine diachrone Untersuchung vom erzählerischen Umgang mit kollektiven Gewalt-Erfahrungen in einem klar umgrenzten sozialen Raum im Spannungsfeld zwischen globaler Finanzökonomie und lokaler Zuckerwirtschaft zu unternehmen. Die jahrhundertalte lokale Verflechtung dieses erzählerischen Settings über ein diabolisches Fantasma mit anthropophagen Gelüsten und Kapital-vermehrenden Fähigkeiten verspricht einen Erkenntnisgewinn über Transformationen, Funktionen und Adaptionen des Teufelspakt-Mythos im Kontext von postkolonialen Schuld- und Kreditbeziehungen, Gewalt- und Prunk-Exzessen, kurz: über das sozio-ökonomische Imaginäre im Industriekapitalismus und seine Funktionsweisen in Gesellschaften nach kollektiven Gewalterfahrungen.