Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Hybride Systeme

Ein medienanthropologischer Versuch die russische Kultur zu verstehen

Prof. Dr. Jurij Murašov

Abstract

Aus einer medienanthropologischen und -historischen Perspektive beschreibt das Projekt modellhaft Entwicklungs- und Strukturspezifika der russischen Kultur. Im Zentrum steht dabei das ausgehend von Homi Bhabha entwickelte Konzept einer medialen Hybridität, das kulturelle Systeme zu fassen versucht, die in ihren Selbstbeschreibungsmechanismen eine eigentümliche Gegenläufigkeit aufweisen: In dem Maße, wie sich diese Kulturen durch Schrift und Typographie selbst zu entwerfen beginnen, entwickeln sie gleichzeitig in ihren Selbstrepräsentationen textuelle Abwehrstrategien gegen die spezifischen Abstraktions- und Differenzierungseffekte von Schrift und Typographie. Diskursive und narrative Selbstversicherungen erweisen sich auf notorische Weise erfolglos; statt Spezialsemantiken und Narrative auszudifferenzieren, die sich belastbar und dennoch flexibel für Anschlusskommunikationen zur Verfügung stellen, funktionieren diese diskursiven und narrativen Selbstbeschreibungen primär performativ-rhetorisch und reagieren homöostatisch auf gegenwärtige Sachlagen. Dergestalt werden hybride Systeme von atopischen Diskursen und dissipativen Narrationen dominiert.

Die russischen Kultur wird als ein Fallbeispiel für kulturelle Systeme analysiert, die aufgrund ähnlicher medienstruktureller und -historischer Voraussetzungen analoge Selbstbeschreibungsstrategien aufweisen. Im Einzelnen unternimmt das Vorhaben seinen theoretischen Modellierungsversuch auf der Grundlage verschiedener empirischer Komplexe aus der russischen Kulturgeschichte. Wie sich die prekäre Zwischenlage zwischen schriftbasierter Ausdifferenzierung und verbaler Depotenzierung begrifflicher Abstraktionen zum Dauerzustand perpetuiert, wird anhand einer kursorischen russischen Schriftgeschichte expliziert; hier wird gezeigt, wie das liturgische, orthodoxe Schriftverständnis bis in das 19. Jahrhundert hineinwirkt und durch die elektrifizierten Medien des 20. Jahrhunderts erneut verstärkt wird.

Die Atopik der Diskurse wird an markanten Beispielen aus der russischen Philosophiegeschichte untersucht – anhand von Petr Čaadaev, Ivan Kireevskij, Nikolaj Fedorov und Vladimir Solov‘ev aus dem 19. und anhand von Beispielen aus der Sowjetwissenschaft und der sowjetischen Kultursemiotik aus dem 20. Jahrhundert. Wie dissipative Narrationen funktionieren, wird an literarischen Beispielen von Nikolaj Gogol‘, Fedor Dostoevskij und Lev Tolstoj sowie an Beispielen des filmischen Erzählens der 1920er und 1930er Jahren deutlich gemacht.