Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Mit Max Weber im Gepäck in die USA und zurück

Zum deutsch-amerikanischen Transfer bürokratietheoretischer Ideen im 20. Jahrhundert

Dr. Christian Rosser

Abstract

Thema

Das Forschungsvorhaben befasst sich – mit Fokus auf die Rezeptionsgeschichte Max Webers – mit dem Transfer verwaltungswissenschaftlicher Ideen zwischen den USA und Deutschland im 20. Jahrhundert.

Theoretische Relevanz

In der vergleichenden ideengeschichtlichen Verwaltungsforschung werden die historischen Entwicklungen der US-amerikanischen respektive von kontinentaleuropäischen verwaltungswissenschaftlichen Disziplinen meist in einem spezifisch nationalstaatlichen Kontext verstanden. Im Sinne von Pfadabhängigkeiten oder kulturellen Veränderungen auf der Makro-Ebene bedienen sich ideengeschichtliche Vergleichsstudien oft unterschiedlicher (national-)staatstheoretischer Denktraditionen.

Während solche Denktraditionen als Vergleichsheuristik überaus hilfreich sind, stellt sich die Frage, inwiefern sie empirisch valide sind. Anhand des transatlantischen Transfers von Webers bürokratietheoretischen Überlegungen soll ein Beitrag zur Beantwortung dieser Frage geleistet werden. Indem das Forschungsvorhaben den Ideentransfer in einem sich wandelnden Kontext und die damit einhergehende Relativität und Prozessualität von Ideen zum Thema nimmt, zielt es darauf ab, ein Anliegen des Exzellenzclusters einzulösen:

“Die Entscheidung, Prozesshaftigkeit, Transformation, Mobilität und grenzüberschreitende Dynamiken zu akzentuieren, statt von vorab feststehenden sozialen Entitäten und Kulturräumen auszugehen (Universität Konstanz 2012, 3).”

Empirische Relevanz

Mit Blick auf den inhaltlichen Schwerpunkt ‚Bürokratie‘ des Exzellenzclusters scheint eine Konzentration auf den Transfer Weberscher Ideen aus zwei Gründen angezeigt:

Erstens handelt es sich bei der Rezeptionsgeschichte von Webers Werk sowohl quantitativ als auch qualitativ um den umfangreichsten transatlantischen Transfer bürokratietheoretischer Ideen im 20. Jahrhundert. Schon alleine der Begriff ‘Bürokratie’ ist sowohl in der deutschsprachigen als auch in der US-Verwaltungswissenschaft untrennbar mit Weber verbunden. Dessen Bürokratietheorie dient bis heute zumindest als Ideenlieferant oder Kampfbegriff. Darüber hinaus stellt die Bürokratielehre Webers bis heute eine leistungsfähige theoretische Grundlage für die Analyse aktueller Verwaltungsreformen dar. Beispielsweise haben nicht intendierte Konsequenzen des New Public Management dazu geführt, dass Aspekte einer hierarchisch-bürokratischen Verwaltung in der Praxis wieder relevanter geworden sind.

Zweitens lässt sich anhand der Rezeptionsgeschichte von Webers Werk musterhaft aufzeigen, dass der Ideentransfer nicht als Einwegstraße zu verstehen ist, sondern in verschiedene Richtungen verläuft. Nachdem Teile von Webers Bürokratietheorie und dessen methodologische Überlegungen nach dem 2. Weltkrieg ins Englische übersetzt worden waren, übten sie erheblichen Einfluss auf die Weiterentwicklung der US-amerikanischen Sozialwissenschaften im Allgemeinen und die Verwaltungswissenschaft im Besonderen aus.

In Deutschland fanden Webers Arbeiten hingegen wenig Beachtung, nicht zuletzt da dessen machtbezogene Auffassung des Politischen und dessen Betonung der Rationalität vielen deutschen Akademikerinnen und Akademikern als obsolet erschienen. Erst durch die Publikationen amerikanischer Intellektueller erfuhr Webers Werk in Deutschland wieder Beachtung. Da Webers Bürokratietheorie von nun an zumindest teilweise durch die Brille US-amerikanischer Forscher gelesen wurde, liegt der Schluss nahe, dass sich die Wahrnehmung Weberscher Ideen aufgrund des Transfers seit den 1950er Jahren wesentlich veränderte. In diesem Zusammenhang lässt sich beispielsweise überprüfen, inwiefern die erwähnte praktische Rückbesinnung auf die hierarchisch-bürokratische Verwaltung von einer US-amerikanischen Neuinterpretation Webers beeinflusst war.

Methodische Relevanz

Der Transfer verwaltungswissenschaftlicher Ideen kann über historisch interpretative Methoden hinaus mithilfe bibliometrischer Netzwerkanalysen untersucht werden. Dies entspricht in der historischen Verwaltungsforschung einem innovativen Zugang. So können Transferprozesse auf einer „Landkarte“ übersichtlich abgebildet und thematisch kategorisiert werden. Dank dieser Komplexitätsreduktion lassen sich beispielsweise in Bezug auf die Relevanz einzelner Prozesse Hypothesen generieren, die in der Folge qualitativ überprüft werden können.