Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Ahasvers Erben

Der „Ewige Jude“ in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts

Dr. Florian Schneider

Abstract

Entgegen der vordergründigen Evidenz ihrer national-ideologischen Modellierung zum prototypischen „Fremden“ und ihrer ebenso pauschalen Zurückweisung von jüdischer Seite weist die Figur des „Ewigen Juden“ in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts eine Reihe irritierender, bislang nicht untersuchter Aspekte auf.

Ausgehend von der heterogenen, aus verschiedensten Quellen kompilierten Identität der literarischen Figur und ihrer diskursiven Dynamik stellt das Projekt einerseits die Frage nach den offensichtlichen Ähnlichkeiten, die den „Ewigen Juden“ mit dezidiert „deutsch“ profilierten Figuren wie Faust verbinden; andererseits aber auch die Frage nach der narrativen Anschlussfähigkeit literarischer Figuren in Relation zu ihrer identitären (Un-)Eindeutigkeit.

Führen strukturelle und poetologische Probleme des zugrundeliegenden Narrativs schon in der zeitgenössischen Kritik zu einer Debatte über die Integrierbarkeit der Figur in eine auszubildende Nationalliteratur, so macht diese Kontroverse umgekehrt literarische Gattungsmuster als kulturhistorische Filter und sozialanthropologische Paradigmen lesbar. Wird der „Ewige Jude“ schließlich zum Objekt allseitiger Ausgrenzung und Identifikation zugleich, so lässt sich die Frage nach der Konstruktion nationaler Identität im 19. Jahrhundert vermutlich über den gängigen Binarismus der Fremd/Eigen-Differenz hinaus präzisieren.