Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Theoriehunger

Eine praxeologische Untersuchung der politischen Theorie in der West-Berliner Neuen Linken in den 60er und frühen 70er Jahren

Benedikt Sepp

Abstract

Eines der markantesten Merkmale der bundesrepublikanischen Studentenbewegung und der Neuen Linken der 60er und frühen 70er Jahre war ihre Theoriefaszination. In sich schlüssige intellektuelle Großtheorien, die gesellschaftliche Prozesse rational fass- und steuerbar machen sollten, waren in den modernisierungs- und wissenschaftsoptimistischen 60er Jahren zwar in der ganzen bundesdeutschen Gesellschaft verbreitet, in großen Teilen der entstehenden Neuen Linken hingegen wurde Theorie aber wesentlich utopischer besetzt: Mit der richtigen Theorie rückte nicht nur die Revolutionierung der herrschenden Gesellschaftsform in greifbare Nähe, theoretische Arbeit an sich wurde vielmehr zur Arbeit am Selbst als einem Kern der persönlichen und politischen Identität und zum Werkzeug der Distinktion und Selbstvergewisserung erhöht.

Theoretische Argumentationsfiguren durchdrangen die Lebenswelt ihrer Anwender in zunehmend höherem Maße und wandelten sich vom elitären, aber praxislosen Herrschaftswissen mit Distinktionscharakter zu einer Praktik, die durch scheinbar objektive, zwingende Darstellungen gesellschaftlicher und individueller Prozesse gemeinschaftliche Aha-Erlebnisse des „Decouvrierens“ schuf und im besten Falle Richtschnur und Rechtfertigung für konkrete politische Aktionen oder neue Lebensstile lieferte.

Theorie wird aus der praxeologischen Perspektive als ein durch soziale Praktiken hervorgebrachter Modus der Kommunikation verstanden, in dem durch die Konstruktion abstrakter, wissenschaftlich anmutender Systeme Handlungsräume geöffnet und Vorstellungen durchgesetzt werden konnten. Ihre Inhalte und ihre Form waren dabei im Laufe der 60er Jahre Wandlungen unterworfen, die mit verschiedenen Auffassungen von politischer Praxis korrespondierten, sie begründeten und rechtfertigten: 1961 frisch aus der SPD ausgeschlossene SDS-Funktionäre pflegten andere Theorieformen als straßenkämpfende subversive, auf der Suche nach dem authentischen Proletariat in Fabriken arbeitende Studenten oder Mitglieder der Ende der 60er Jahre gegründeten kommunistischen Kadergruppen (obwohl es sich teilweise um die gleichen Personen handelte). Alle waren sich aber über die prinzipielle Bedeutung einer „Gegensphäre der Theorie“ (Gerd Koenen) einig.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt daher nicht so sehr auf den Theorieinhalten, sondern eher auf ihrer kreativen Aneignung und ihrer taktischen Verwendung und auch Veränderung in der Lebenswelt der Anwender. Weniger als die ausformulierten Großwerke sollen eher die impliziten Vorannahmen, die stillschweigenden Konsense, was sagbar sei und was nicht und was durch Theorie erklärbar war, im Zentrum stehen, auch, wie Theorien im alltäglichen Leben angewandt wurden. Theorien sollen quasi in ihrem praktischen Vollzug beobachtbar gemacht werden.

Anders ausgedrückt soll die „Ästhetik“ der Theorie, zumindest aber die Ästhetik der Theorien im Vordergrund stehen. Armin Nassehi bezeichnet mit diesem Begriff das „Resultat der Darstellungsform“ einer Theorie bzw. als „das was eigentlich gesagt werden soll, ohne dass es gesagt werden kann“: inkorporiertes Wissen, das einen jeweils theoriespezifischen Habitus hervorbringt.

Anhand von ausgewählten Beispielen der Neuen Linken West-Berlins in den 60er und frühen 70er Jahren soll auf diesem Weg versucht werden, den Wandel der politischen Theorie oder der Theorien als Praktiken des Theoretisierens beobachtbar und beschreibbar zu machen und deren Rolle als Wahrheitskonzept, als Distinktionselement bei der Bildung verschiedener politischer Kollektive sowie als Entwurf individueller und kollektiver Identitäten zu untersuchen.