Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Pränatalität

Eine Wissensgeschichte des Ungeborenen in der Moderne

Prof. Dr. Caroline Arni

In meiner Studie untersuche ich, wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine neuartige Konzeption des Ungeborenen in Begriffen des „Pränatalen“ verfertigt wurde und sich verschränkte mit der Frage der gene­rationel­len Transmission, die ihrerseits mit der politischen Sorge um soziale Kontinui­tät verbunden war. In einem weiteren Schritt interessiert, inwiefern die humanwissenschaftliche Erforschung des Ungeborenen ontologische Fragen aufwarf.

Den Gesellschaften, die im 19. Jahrhundert ihren Zusammenhang in Begriffen von „Organisa­tion“ und „Genera­tion“ zu begreifen begannen, stellte sich Integration als Aufgabe nicht nur in synchro­ner, son­dern auch in diachroner Hinsicht. Darum geht es, wenn ich die Wissensge­schichte des Ungeborenen im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit einer Geschichte der „moder­nen Gesellschaft“ ver­binde. Ausgangspunkt meines Buchprojekts ist eine Hypo­these, die französische Psychiater in den 1880er Jahren formulier­ten, als sie bei Pariser Kindern des Jahrgangs 1870/71 eine Häufung von „Entwicklungsstörungen“ konstatierten und als Ursache dafür auch das „Trauma“ vermuteten, das Schwangere während der preußischen Belagerung und der revolutionären Ereig­nisse der Pariser Kommune erlitten hatten. Diese Hypothese griff einerseits eine seit der Antike vertraute Idee der formprägenden Kraft des mütterlichen Mentalen auf. Andererseits gründete sie in einer neuartigen Konzeption des Ungeborenen und der Schwangerschaft, die sich in Physiologie, Medizin und Psychologie zwischen spätem 18. und frühem 20. Jahrhundert herausbildete und in deren Zentrum die Konzepte der maternal-fötalen Beziehung und der pränatalen Prägung standen. Diese Konzeption verband sich mit dem zeitgenössischen Interesse an der intergenerationellen Übertragung von Eigenschaften, das seinerseits verkoppelt war mit der gesellschaftspolitischen Sorge um soziale Kontinui­tät.

Die Diskussion um die Kinder von 1870/71 sehe ich also als ein wissenshistorisches Ereignis, das die Frage nach der Sinnfälligkeit des postulierten Wirkungszusammenhangs von historischem Ereignis, mütterlichem Erleben und kindlichen Anomalien aufwirft. Ich gehe dieser Frage nach, indem ich in einem ersten Schritt die Wissensproduktion rekonstruiere, in der sich die Konzepte „Entwick­lung“, „Einfluss“ und „Transmission“ miteinander verbanden und ein Feld absteckten, das zunehmend vom Begriff des „Pränatalen“ organisiert wurde. Konkret wird hier die Herausbildung dreier Forschungsperspektiven dargestellt: einer fötalphysiologischen, einer pränatal-pathologischen und einer pränatal-psychologischen (auch psychoanalytischer Prägung). Alle drei sind bislang wissenschaftshistorisch wenig konturiert und erscheinen deshalb zunächst als verschattete Doppel stärker disziplinär konnotierter Felder: der Embryologie, der Hereditätslehre und der Entwicklungspsychologie. Meine Vermutung aber ist, dass sich das spezifisch Moderne des „Pränatalen“ dort zeigt, wo die genannten Perspektiven systematisch Lücken zwischen diesen Feldern überbrücken. In einem zweiten Schritt wird diese Rekonstruktion in Beziehung gesetzt zum Konzept der De-/Generation und zur Rede vom „Trauma“ als einem disruptiven geschichtlichen Zusammenhang, dessen Verkörperung in der Vermittlung durch den generativen Körper der Frau drohte. In den Blick gerät damit auch eine Verschränkung von weiblichem Kör­per und gesellschaftlicher Zeit.

Bewegt sich diese Studie im Rahmen einer historisch-epistemo­logischen ausgerichteten Wissensgeschichte, so soll in einer Folgestudie eine anthropologische Perspek­tive auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Ungeborenen forciert werden. Hier interessieren mich Momente in der Forschungspraxis, in welchen das wer­dende Kind an der Schwelle der Geburt objekthaft als Fötus oder Säugling zum Gegen­stand psychophysiologischer Beobachtung und Experimente wurde. In diesem forschenden Tun, so meine Vermutung, mischte sich ‚wissenschaftliche’ Objektivierungspraxis mit ‚mütterlicher’ Anerkennungspraxis. Diese Ambivalenz in der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt der Forschung gilt es präzis zu beschreiben und zu interpretieren. Dazu untersuche ich mit Rückgriff auf die Arbeiten des Anthropologen Philippe Descola, wie im 19. Jahrhundert an der Schnittstelle von Human- und Lebenswissenschaften der ontologische Status des Ungeborenen verfasst wurde und inwiefern dieser strukturell ungesichert war. Oder anders formuliert: Wie haben die Wissenschaften vom Leben und vom Menschen jene unabschließbaren ontologischen Fragen über das Ungeborene hervorgebracht, die sich uns heute als politische stellen?