Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Eine Topologie des Schmerzes

Die testimoniale Repräsentation der Gefangenenlager der chilenischen Militärdiktatur

Dr. José Santos-Herceg

Abstract

Das Projekt beinhaltet eine thematische Auseinandersetzung mit den Gefangenen- und Folterlagern der chilenischen Militärdiktatur (1973–1989). Das Projekt stützt sich auf die Basis eines breit gefassten Korpus an schriftlichen Zeugnissen ehemaliger Häftlinge, in denen deren Erfahrung in Gefangenschaft in den mehr als 1.100 Gefangenenlagern der chilenischen Militärs geschildert wird. Als Endziel dieses Forschungsprojektes ist eine Buchpublikation vorgesehen, die basierend auf den Zeugenaussagen jener, die diese Orte durchlaufen, in ihnen gelebt, gelitten und sie überlebt haben, einen Überblick über die Repräsentation der Gefangenen- und Folterlager vermitteln soll.

Politische Gefangenschaft, Folter und das Verschwinden von Personen waren in allen Militärdiktaturen des „Cono Sur“ (Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay) an der Tagesordnung. Trotz dieser gemeinsamen operationellen Vorgehensweise wurde diese nicht in allen Ländern auf dieselbe Art und in derselben Intensität umgesetzt. Ein Charakteristikum, das speziell für den chilenischen Fall zutraf, war die massive Freiheitsberaubung der oppositionellen Regimegegner sowie die systematische und generell zum Einsatz kommende Folter. Hierfür weiß man bislang von der Existenz von 1.168 Gefangenenorten – eine Ziffer die bei weitem die Zahl der Gefangenen- und Folterzentren in an anderen Ländern des Kontinents übersteigt.

Das Projekt impliziert eine Annäherung an die Gefangenen- und Folterzentren, die anhand von Zeugnissen geleistet werden soll, da sie die unmittelbarste aller Repräsentationsformen der besagten Orte darstellen. So berichten sie auf direktem Wege und basierend auf der eigenen Erfahrung von deren Funktionsweise, sowie von den Abläufen und Aktivitäten innerhalb der Gefangenenlager. Im Grunde genommen stellt der Diskurs der inhaftierten Überlebenden dieser Orte somit zugleich den einzigen direkten Zugang zu ihnen dar. Daher soll hauptsächlich mit Zeugnissen gearbeitet werden, die von den Opfern selbst verfasst und anschließend in Buchform publiziert worden sind. Als Arbeitsbasis dient ein bedeutsamer Korpus an Werken (insgesamt ca. 70, die zwischen 1974 und 2014 publiziert wurden). Durch die Berücksichtigung dieser Quellen soll auf die Repräsentation eingegangen werden, die die Opfer selbst von den Orten wiedergeben, in denen sie festgehalten und gefoltert worden sind.

Das Interesse dieses Projekts gilt in besonderem Maße der Repräsentation der Orte, welche diejenigen Subjekte erstellen, die die Erfahrung gemacht haben, sie zu durchlaufen, in ihnen zu leben, zu leiden sowie zu überleben. Die Analyse fokussiert daher auf diejenigen Aspekte, die im Zusammenhang stehen mit dem Aufkommen solcher Orte (Topogenese), mit ihrer Bezeichnung (Toponymie), mit ihrer internen Anordnung (Topoanalyse), mit Veränderungen und Verlagerungen sowohl inner- als auch außerhalb der Lager (Interlocus), mit der affektiven Verknüpfung dieser Orte, sowohl negativer (Topophobie) als auch positiver (Topophilie) Art, und ihrem Verschwinden (Tanatopo) beziehungsweise ihrem Fortdauern oder Weiterleben (Heterotopie). Die Topogenese, Toponymie, Topophilie/Topophobie, der Interlocus, die Topoanalyse, der Tanatopos sowie die Heterotopie definieren daher die zentralen Dreh- und Angelpunkte, die dieses Forschung organisieren. Daher stellt jeder dieser zentralen Punkte einen Zugang zu einer Lesart dar, welche den gesamten Korpus an Zeugnissen durchläuft und somit ein komplexes Gesamtbild abbildet, in denen sich die verschiedenen Sinnebenen häufig überlagern.

Als erstes ist es daher von Interesse, den Entstehungsprozess dieser Orte zu erforschen, die geschaffen werden, um Menschen einzusperren, sie zu verhören und zu foltern: die Topogenese. Insofern soll der Frage der Art und Weise nachgegangen werden, wie die Zeugen die Konfiguration dieser Orte wahrnehmen. Ein sehr auffälliges Merkmal hierbei, welches bei der genaueren Betrachtung der Liste an Gefangenenzentren in Chile sofort ins Auge sticht, ist, dass praktisch keines dieser Lager zu diesem Zwecke geschaffen wurde; fast in der Gesamtheit aller Fälle handelt es sich um eine Rekonfiguration von Orten, die bereits existieren. Der erste Schritt in der Analyse soll deshalb untersuchen wie dieser Rekonfigurationsprozess von statten geht und wie die bestehenden Orte umgedeutet werden. Hierbei stehen vor allem die Zeugenaussagen jener im Vordergrund, die schon vor dem Militärputsch in einer Beziehung zu diesen Orten standen und danach zu ihnen als Gefangene zurückkehren.

Die Toponymie stellt auf der anderen Seite ein Analysekriterium dar, um die Namensgebung der Orte etymologisch zu erforschen. Es wird die Namensgebung der Orte in zwei Teilaspekte aufgegliedert. Zuerst wird dem Problem der Namen nachgegangen, unter denen jene Orte der Freiheitsberaubung bekannt sind. In den Zeugenaussagen sticht hierbei besonders die Polysemie hervor. Es wird von der Hypothese ausgegangen, dass die Polysemie in dem Moment relevant wird, in welchem es diese Orte zu definieren gilt, weshalb es grundlegend ist, dieses Thema detailliert zu analysieren, besonders in Bezug auf die Frage wer diese Orte benennt und wie sie benannt werden. Des Weiteren sollen die Eigennamen dieser Orte untersucht werden, da einige Orte zudem mehrere Eigennamen aufweisen (von Londres 30 bis hin zu Londres 40), bei anderen Orten wird der Eigenname geändert und einige behalten ihren Eigennamen bei. Zudem sind zusätzlich die Beinamen von Interesse, unter denen die Häftlinge die Orte kennenlernen.

Die dritte Begrifflichkeit der sogenannten Topoanalyse bezieht sich auf die eigentliche Analyse der Orte an sich und beinhaltet verschiedene Forschungsansätze zu den konkreten Orten. Es ist vor allem die Analyse der grundlegenden Auslegung der Orte in dreierlei Sinn von Interesse: in ihrer Bedeutung als Karten, als Labyrinthe und als Panoptikum. Die meisten Zeugnisse geben ausschweifende und detaillierte Beschreibungen zur inneren Anordnung sowie zur Konstitution der Orte. In einigen Fällen werden sogar Skizzen der besagten Anordnung angefertigt. Die Gefangenenlager stellen des Weiteren eine Konstellation dar, indem sie in einem System an Transit- oder Durchgangsorten eingebunden sind, deren Funktion es ist, die Häftlinge weiterhin in Bewegung und ihren Status als Verschwundene aufrecht zu erhalten. In ihrer Gesamtheit stellen diese Orte somit ein wahrhaftiges Labyrinth dar, aus dem es nicht möglich ist, zu entkommen.

Bachelard führt als erster den Terminus Topophilie ein. Für ihn ist es von Interesse, den menschlichen Wert von Orte zu erforschen, in dem Sinne, dass sie grundlegend positiv affektiv aufgeladen sind: diejenigen, die wir lieben und in Schutz nehmen. In den Zeugnissen jedoch findet man mehrheitlich vielmehr eine Beschreibung als Orte des Grauens, des Schmerzes und des Albtraums. Bachelard benennt diese Orte als „feindselige Räume“ (“espacios de hostilidad”); daher die Bezeichnung Topophobie. Alle Zeugnisse der politischen Gefangenen durchziehen Verweise auf die Örtlichkeiten und diese sind stets eingebunden in ihre affektiven Bezüge zu den Orten. Demnach lassen sich Orte der Zuflucht und des Trostes, Orte der Zusammenkunft, Orte der Unterhaltung und der Erholung sowie Orte der Liebe und des Humors ausmachen. In derselben Art und Weise lässt sich unterscheiden zwischen Orten der Angst und des Schmerzes, Orten des Verrats und des Scheiterns sowie zwischen Orten des Todes.

Duch Interlocus wird die Hypothese aufgestellt, dass die Lager als Durchgangsorte betrachtet werden können, da ihre Zielsetzung eine provisorische Gefangenschaft, Verhöre, Informationsbeschaffung, etc. vorsieht. In diesem Sinn, jedes Zeugnis kann als ein Reisebericht gelesen werden und sogar in Texten wie Un viaje por el infierno (Gamboa), Diario de viaje (Núñez ) oder Un viaje muy particular (Vuskovic) wird diese Idee explizit in den Titel mit eingebracht. Der größte Teil der Zeugnisse weist eine zirkuläre Struktur auf: Aufbruch, Krieg. Verluste, Hindernisse, Schmerz und am Ende die Rückkehr.

In dem Moment, wenn die Diktatur zu ihrem Ende kommt, zeigen diese Gefangenen- und Folterlager eine klare Tendenz zu verschwinden: sie werden versteckt, verdeckt, über sie wird hinweg getäuscht oder sie werden zerstört. Insofern lässt sich hier vom Tod dieser Orte sprechen: Tanatopo. Das Verschwinden dieser Orte ist allerdings nie definitiv. Hier soll basierend auf der Hypothese gearbeitet werden, dass Orte, die als Gefangenen- oder Folterzentrum funktioniert haben, nicht schlichtweg ausgelöscht werden können, weil ihre Wärter oder Wachtürme verschwinden, weil ihre Türen geöffnet, die Gefangenen entlassen, das Gebäude zerstört oder ihre Nutzung geändert würde. Foucaults Kategorie der Heterotopie unterstützt die Annahme eines Andauerns und Fortbestehens dieser Orte, insofern, als dass in ihnen mehrfache Räume, die in ihrer Bedeutung mitunter sogar gegensätzlich sind, nebeneinander her bestehen. Nach dem Ablegen der Zeugnisse der ehemaligen Gefangenen, die an die Orte ihrer Gefangenschaft zurückgekehrt und weiterhin mit diesen Orten verbunden sind, lässt sich die These vertreten, dass die Gefangenen- und Folterlager dennoch fortbestehen, obwohl sie umgewandelt, zur Seite gelegt, versteckt und sogar zerstört worden sind.