Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

„da man kein Kleid anziehen darf, das aus Leinen und Wolle gewebt ist“

Ambiguität, Toleranz und das Ende der religiösen Pluralität des Mittelalters

Prof. Dr. Benjamin Scheller

Abstract

Seit dem 12. Jahrhundert häuften sich in Europa Verfolgungen und Vertreibungen von religiösen Minderheiten. Gleichzeitig kam es vermehrt zu Konversionen zum Christentum. Konvertiten galten vielfach als Personen mit ambiger religiöser Identität. Die Vertreibungen des Spätmittelalters müssen vor diesem Hintergrund auch als radikale Versuche gesehen werden, unscharf gewordene Grenzen zwischen Christen und Nicht-Christen wieder klar zu ziehen.

Religiöse Pluralität und Entpluralisierung

Europa war im Mittelalter zwar vor allem von Christen bewohnt, doch war es keineswegs „ein christliches Land“, wie Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg, genannt Novalis (1772-1801) 1799 in seiner berühmten Schrift „Die Christenheit oder Europa“ geschrieben hatte. Denn lange Zeit lebten vielerorts auch Anhänger der beiden anderen monotheistischen Religionen, Judentum und Islam. Man hat das Mittelalter daher zu Recht als Epoche religiös-kultureller Pluralität im Zeichen der „monotheistischen Trias“ (Michael Borgolte) charakterisiert. Allerdings häuften sich seit dem 12. Jahrhundert Verfolgungen, Vertreibungen und Konversionen von Juden und Muslimen, so dass in den meisten europäischen Regionen, in denen zuvor wenigstens eine dieser beiden religiösen Minderheiten existierte, um 1500 nur noch Christen lebten. Wenn überhaupt jemals, dann war Europa also zu Beginn der Neuzeit „ein christliches Land“. Das Projekt fragt nach den Ursachen für diese religiöse Entpluralisierung.

Ambiguitätstoleranz und religiöse Differenz

Im Zentrum soll dabei ein Problem stehen, das bisher weitestgehend übersehen wurde: das Problem der Ambiguitätstoleranz. Der Begriff der Ambiguitätstoleranz stammt aus der Individualpsychologie. Eingeführt wurde er 1949 von Else Frenkel-Brunswick, um zu bezeichnen, wie Personen uneindeutige Situationen oder Stimuli wahrnehmen und verarbeiten. Hieran anknüpfend hat Thomas Bauer 2011 betont, dass auch Kulturen und Epochen sich in starkem Maße dadurch unterschieden, „wie Menschen Mehrdeutigkeit, Vagheit, Vielfalt und Pluralität empfinden und wie sie damit umgehen“. Eine besondere Herausforderung ist Ambiguität dort, wo sie die Anwendung von Unterscheidungen zum Problem werden, oder gar scheitern lässt, auf denen die Ordnung des Sozialen beruht.

Eine solche „Leitdifferenz“ war im Europa im Zeichen der monotheistischen Trias ohne Zweifel die Unterscheidung von rechtgläubig und ungläubig. Monotheistische Religionen sind, um mit Jan Assmann zu sprechen, „Differenzreligionen“. Sie beruhen auf einer Unterscheidung, „und zwar weniger auf der Unterscheidung zwischen dem Einen Gott und den vielen Göttern“ als der „Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion, zwischen dem wahren Gott und den falschen Göttern, der wahren Lehre und den Irrlehren, zwischen Wissen und Unwissenheit, Glaube und Unglaube.“

Daraus folgt zwar nicht, dass monotheistische Religionen zwangsläufig intolerant gegenüber anderen monotheistischen Religionen wären oder waren. Doch wie steht es mit der Toleranz gegenüber denjenigen, in deren religiöser Identität sich Eigenes und Fremdes in undurchschaubarer Weise verbinden und mischen?

Ambige religiöse Identitäten: Konversionen und Ihre Folgen

Emblematisch für die Frage nach der Toleranz gegenüber ambigen religiösen Identitäten und Praktiken ist das Problem der religiösen Konversion. Denn es war vor allem eine Gruppe von Menschen, denen ihre christliche Umwelt im Europa des Hoch-und Spätmittelalters eine solche uneindeutige religiöse Identität zuschrieb: Konvertiten vom Judentum oder Islam zum Christentum.

Die Belege für Konvertiten nehmen seit dem 12. Jahrhundert zu. Die Motive für den Übertritt konnten dabei unterschiedlich sein. In Süditalien und auf der iberischen Halbinsel kam es um 1300 bzw. um 1400 zu regelrechten Massenkonversionen unter Zwang. Viele der Konvertiten blieben räumlich, rechtlich und sozial mit ihren früheren Glaubensbrüdern und -schwestern vernetzt.

Gleichzeitig bestanden seitens der christlichen Mehrheit häufig Vorbehalte gegenüber Konvertiten. Etiketten wie Conversos, Neofiti oder Neuchristen und pejorative Bezeichnungen wie Marranos evozierten auf die eine oder andere Weise, dass sie oder ihre Vorfahren einst „Ungläubige“ gewesen waren und schrieben den Konvertiten damit eine uneindeutige, doppelte Identität zu, in der sich Elemente der vormaligen mit Elementen der neuen religiösen Identität verbanden.

Unabhängig davon, ob sie den Übertritt freiwillig oder aus Zwang, aus religiösen oder weltlichen Motiven, als einzelner oder aber als Teil eines Kollektivs vollzogen hatten, fanden sich zahlreiche Konvertiten im Spätmittelalter daher als Grenzgänger zwischen den religiösen Gemeinschaften wieder. Kirchliche und weltliche Obrigkeiten reagierten hierauf vielerorts mit der Errichtung neuen Grenzregimes, zu denen neben der Vertreibung von Minderheiten auch Praktiken wie Kennzeichnung und Segregation gehörten. Allerdings sollte man nicht voreilig von einer grundsätzlichen Ambiguitätsintoleranz des hoch-und spätmittelalterlichen okzidentalen Christentums ausgehen.

Betrachtet man den Umgang mit Konvertiten in den verschiedenen Regionen Europas differenziert, dann zeigt sich, dass bei unterschiedlichen Akteuren und Gewalten sehr unterschiedliche Grade an Toleranz bzw. Intoleranz gegenüber ihrer ambigen religiösen Identität vorhanden sein konnten. Ziel des Projektes ist daher auch, in vergleichender und systematischer Perspektive, die Bedingungen der Möglichkeit von Ambiguitätstoleranz im Europa des Spätmittelalters zu erforschen.