Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Engineering Empire

Großprojekte, globale materielle Kultur und lokale Identitäten im französischen Kolonialraum (ca. 1600–1800)

PD Dr. Benjamin Steiner

Abstract

Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, einen Beitrag zum besseren Verständnis für das komplexe Zusammenspiel von globalen und lokalen Identitäten unter dem Einfluss materieller Kultur in der Geschichte der europäischen Expansion in der Frühen Neuzeit zu liefern. Meine Forschungen zum französischen Kolonialreich fokussieren auf große materielle Objekte, die sowohl von kolonialen als auch indigenen Akteuren geschaffen wurden. Die Studie behandelt die Frage, wie imperiale materielle Kulturen entstehen und wie sie den globalen Austausch und die lokale Interaktion bis zum heutigen Tag beeinflussen.

Imperien waren nicht immer bloß ideologische Konstrukte. Sie hatten immer auch eine materielle Realität. Die Behauptung steht im Zentrum des hier darzustellenden Arguments und wird genauer in Bezug auf den französischen Kolonialraum in der Frühen Neuzeit ausgeführt. Jüngere Veröffentlichungen haben die Bedeutung der Geschichte der Imperien für die heutige globalisierte Welt hervorgehoben und die Frage gestellt, ob wir aus dem Studien von Imperien etwas über Alternativen zum Nationalstaat in einer zukünftigen politischen Ordnung lernen können. Dabei wird implizit deutlich, dass Imperien als eine Herrschaftsform angesehen werden, die in gewisser Weise toleranter gegenüber politischer, sozialer und kultureller Pluralität auftritt.

Imperien sind weder ausschließlich symbolische noch bloße ideologische Konzeptionen, sondern wurden konstruiert, und zwar in dem Sinn, dass sie eine materielle Gegenwart konstituierten, die in allen Teilen des Herrschaftsbereichs gesehen, wahrgenommen und gefühlt wurde. Wie diese materielle Realität von Imperien ausgesehen hat, wie sie Gesellschaft transformierte und wie und durch wen sie  implementiert wurde, ist bislang nicht ausführlich untersucht worden. Mein Projekt zielt darauf ab, dieses Desiderat zu beseitigen, indem ich die materielle Kultur von Imperien näher untersuchen und dabei auf die technologische, logistische, administrative und ästhetische Dimension des empire building eingehen werde.

Die Frühe Neuzeit hat ebenso Dinge mit einer die Zeiten überdauernden Monumentalität hervorgebracht, bei deren Konstruktion viele Menschen, viel Material und neue Techniken zur Umsetzung benötigt und auf organisierte Weise zusammengeführt wurden. Im hier vorgestellten Forschungsvorhaben wird das Augenmerk auf Großprojekte im Zeitalter der europäischen Expansion, insbesondere auf jene des frühneuzeitlichen französischen Kolonialreichs, gelegt. Die europäischen Kolonialmächte bauten in der Frühen Neuzeit überall auf der Welt, in Pondichéry (Indien), auf der Île Bourbon (Réunion), Madagaskar, im Senegal (Westafrika), auf Martinique und Guadeloupe (Karibik) und in Neufrankreich (Kanada). Es entstanden Häfen für hochseetaugliche Schiffe, Festungen, Kontore und Lagerhallen, neue Städte mit Befestigungsmauern, Stadttoren, Gouverneurspalästen und administrativen Gebäuden; ja sogar ganze Landschaften, wie auf den Inseln der Plantagenwirtschaft, und Räume wurden verändert.

Solche Baumaßnahmen ermöglichten eine Infrastruktur, aufgrund derer sich ein System, wie das der organisierten Zwangsmigration des transatlantischen Sklavenhandels auf der einen Seite und eine Kultur exotischen Konsums in den metropolitanen Gesellschaften auf der anderen Seite etablieren konnte. Große Projekte machten die Auswirkungen der europäischen Expansion direkt sichtbar. Überall wurden Zeichen und Monumente der kolonialen Dominanz errichtet. Koloniale Stile bildeten sich aus, Techniken des Bauens und der Planung breiteten sich aus und Europäer sahen sich bald selbst als die Baumeister der Welt.

Doch die Umstände der Entstehung dieser Werke gerieten bald in Vergessenheit. Heute wissen wir nicht mehr genau, wie solche Bauten entstanden. Was waren die Bedingungen solcher globalen kollektiv organisierten Projekte? Welche Organisation, Planung und Kontrolle waren dafür vonnöten? Wer orchestrierte diese Projekte und welche Akteure führten sie aus? Und was waren die Auswirkungen solcher Projekte auf die Herausbildung von europäischen und nicht-europäischen Identitäten?

Diese Fragen sollen in erster Linie durch eine dichte Beschreibung verschiedener Bauprojekte, die im französischen Kolonialraum während des 17. und 18. Jahrhundert verfolgt wurden, beantwortet werden. Als archivalische Grundlagen bieten sich solche Quellen an, die den Verlauf von Bauarbeiten dokumentieren, in denen die beteiligten Experten und Arbeiter aufgelistet werden und die außerdem genaue Auskünfte über das verwendete Baumaterial geben.

Der wichtigste Fundus für solche Mémoires, Listen, Tabellen und Pläne befindet sich im Dépot des fortifications des colonies (DFC) im Überseearchiv in Aix-en-Provence. Während des Aufenthalts in Konstanz wird dieses Material mit dem Ziel ausgewertet, eine Reihe von lokalen Fallstudien zu präsentieren, die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Besonderheiten der materiellen Konstruktion des Empire von Indien über Afrika bis Amerika zu Tage treten lassen. Ziel ist die Zusammenfassung dieser Untersuchungen in Form einer Monographie, die nicht nur als Beitrag französischer Kolonialgeschichte zu verstehen ist, sondern die auch neue Wege zu einer Globalgeschichte aufzeigt, indem sie den Empire-Begriff auch jenseits eurozentrischer Narrativen nutzbar machen soll.