Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Postheroische Gesellschaften?

Konturen einer Gegenwartsdiagnose

Prof. Dr. Ulrich Bröckling

Abstract

Helden sind ambige Figuren: Als Verkörperungen des Außerordentlichen stabilisieren sie die soziale Ordnung, indem sie Regeln setzen und bis zum Selbstopfer für sie eintreten. Zugleich destabilisieren sie dieselbe Ordnung, indem sie sich selbst nicht an jene Regeln halten, die für die übrigen gelten sollen. Heldennarrative erzählen daher zugleich Integrations- wie Desintegrationsgeschichten.

In ihren Taten oszillieren Heroen zwischen Normbildung, Normerfüllung und Normbruch, zwischen Exzeptionalität und Exemplarität. Ihren Verehrern und Bewunderern liefern sie Modelle vorbildhaften Verhaltens, zugleich aber sollen Heldenkulte immer auch die Bedrohung bannen, die von den transgressiven, meist agonalen, in jedem Fall aber das Normalmaß übersteigenden Gestalten ausgeht. Mit ihrer Fokussierung auf positiv bewertete, zur Nachahmung empfohlene Devianz ermöglichen Heldennarrative normativ zu kommunizieren, dass die Überschreitung von Normen nicht nur wahrscheinlich ist, sondern in bestimmten Situationen auch gefordert sein kann.

Ausgangspunkt des geplanten Essays ist der Befund, dass in den westlichen Gesellschaften nach 1945 der Appell an heroische Tugenden und die Berufung auf Heldengestalten problematisch geworden sind. Seit den 1980er Jahren häufen sich Diagnosen, die den Eintritt in eine postheroische Ära konstatieren. Sie finden sich in militärsoziologischen Abhandlungen sowie politischen Essays über die Zukunft des Krieges, aber auch in organisationssoziologischen Studien, welche den Gestaltungsoptimismus politischer Planung und die Kontrollillusionen eines rationalistischen Managements verabschieden.

Wie die Rede von der Postmoderne keineswegs mit einem Abschied von der Moderne gleichzusetzen ist, bezeichnet auch der Topos des postheroischen Zeitalters nicht das Ende, sondern ein Problematisch- und Reflexivwerden heroischer Orientierungen. Es ist davon auszugehen, dass sich das Integrationspotenzial und die appellative Kraft von Heroismen keineswegs erschöpft haben. Die Gegenwart steht sowohl im Zeichen postheroischer Orientierungen wie einer Konjunktur neuer und Wiederbelebung alter Heldenfiguren. Sie bevölkern die Imaginationswelten von Comics, Filmen und Computerspielen; der medial vermittelte Leistungssport sorgt fortwährend für Heldennachschub; Retterfiguren bei Katastrophen werden ebenso heroisiert wie Menschen, die sich durch Zivilcourage hervorgetan haben.

Die Diagnose des Postheroismus stellt sich somit als widersprüchlich dar: So wenig von einer ungebrochenen Kontinuität heroischer Anrufungen und Bewährungsfelder auszugehen ist, so wenig überzeugend sind pauschale Diagnosen eines heldenlosen Zeitalters. Solange politische oder religiöse Mächte auf die Bereitschaft zum Selbstopfer angewiesen sind und sie schüren, wird man Helden suchen und finden. Der Streit darüber, ob heroische Orientierungen antiquiert und wir in der Ära des Postheroismus angekommen sind, führt deshalb nicht weiter. Schon die Frage ist falsch gestellt. In Abwandlung des bekannten Buchtitels von Bruno Latour müsste man stattdessen konstatieren: Wir sind nie heroisch gewesen. Wir sollten es immer nur sein. Und viel zu oft wollten wir es auch.