Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

The Global Citizen, c.1200–c.1600

Prof. Dr. Martial Staub

Abstract

Das Forschungsprojekt ist ein Beitrag zur Geschichte von Globalisierung und Bürgersein. An drei Fallstudien (Genua um 1200, Nürnberg und Augsburg um 1500 sowie Antwerpen um 1600) erkundet die Monographie Formen von Handeln und Denken mit außereuropäischem Ausblick. Der Schwerpunkt liegt auf dem Austausch zwischen Kaufleuten, Gelehrten sowie politischen und religiösen Entscheidungsträger im dezentralen Europa und dessen langfristigen Auswirkungen auf die Welt.

Die Monographie zum Thema „The Global Citizen, c.1200-c.1600“ widmet sich der Konstruktion von Globalisierung durch die weitgehend dezentralen Gesellschaften der 2. Hälfte des Mittelalters und der ersten Phase der Frühen Neuzeit.

Dieses Buch geht von der Tatsache aus, dass mittelalterlichen Gesellschaften dezentral waren, und von der Annahme, dass Globalisierung ein Konstrukt ist, das sich erst dann historisch erschließen lässt, wenn die Mechanismen und die Tragweite der Strukturen und Handlungen sichtbar werden, durch die es zustande kommt. Dabei wird auf einen Ansatz zurückgegriffen, der in der modernen Migrationsforschung angesichts des komplexen und keineswegs direkten Verhältnisses zwischen geographischer und imaginärer Migration bereits erprobt wurde. Es wird nämlich von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Mobilität als eine institutionelle Vermittlungsinstanz in der Dynamik von Gesellschaften mit Mobilitätserfahrung bzw. –bezug zu verstehen.

Im Sinne dieser epistemologischen und methodischen Überlegungen, geht es in dieser Monographie darum, dezentrale Institutionalisierungsprozesse, wie sie in Europa vor dem Zeitalter des Nationalstaates beherrschend waren, in ihrer Wechselwirkung mit geographischer und imaginärer Mobilität zu studieren. Der Schwerpunkt wird dabei auf Umfelde gelegt, in denen ein globaler Diskurs entwickelt wurde, deren Versatzstücke nicht selten heute noch anzutreffen sind und immer noch wirkmächtig sind. Weniger diese ‚Genealogie‘ steht dabei allerdings im Mittelpunkt als das Verständnis des komplexen und als offen angedachten Zusammenhangs zwischen globalen Diskursen, Handels-, Arbeits- und Gelehrtenmobilität und lokalen Institutionen. Daraus ergeben sich aufgrund der Bedeutung kommunaler Traditionen in Europa vor der Moderne interessante Einsichten in den oft wenig reflektierten Zusammenhang zwischen bürgerlicher Institutionsbildung und ‚universellen‘ Diskursen.

Der Blick wird auf lokale Kontexte gelenkt, deren Quellenlage einen Einblick in solche Mechanismen erlaubt im gleichzeitigen Bewusstsein ihrer überregionalen Bedeutung. Der chronologischen Reichweite entsprechend werden Beispiele aus verschiedenen Jahrhunderten herangezogen, ohne dass dabei belastbare Rückschlüsse auf eine multisäkulare und eindimensionale Entwicklung etwa im Sinne von Braudels économies-mondes intendiert werden.

Der Monographie zugrunde liegen die Beispiele von Genua um 1200, Nürnberg und Augsburg um 1500 und Antwerpen um 1600:

  • Die Kopien der Notariatsurkunden in den Registern des Genueser Staatsarchivs bilden eine der dichtesten Quellensammlungen, um die Mechanismen der Kolonisierung des Mittelmeerraums in der 2. Hälfte des Mittelalters zu verstehen. Während die Netzwerke der Genueser Kaufleute und die Institutionsbildung im Kontext dieser Expansionsphase erschlossen sind, bleibt der Zusammenhang zwischen diesen Strukturen und Handlungen einerseits und die Bedeutung Genuas und – darüber hinaus – der ober- und mittelitalienischen Städte in der Formulierung eines Menschenrechtsdiskurses in Wechselwirkung mit den Universitäten und der Kirche insbesondere unter Innozenz IV. (aus der Genueser Familie der Fieschi) unterbelichtet. Ihn zu beleuchten steht im Mittelpunkt des entsprechen Kapitels.
  • Obwohl die Geschichten der Kaufleute aus Nürnberg und Augsburg und des oberdeutschen Humanismus, in dessen Mittelpunkt beide Städte standen, jeweils gut erforscht sind, werden sie selten aufeinander bezogen. Die Gründe hierfür sind einerseits bei den Quellen zu suchen und andererseits auf unterschiedliche methodische Zugriffe zurückzuführen. Dabei werden der Beitrag und die Bedeutung dieses Umfelds für eine Geschichte der Globalisierung um 1500 verkannt und diese wiederum auf die Entdeckungen der frühen Nationalstaaten im Westen Europas reduziert. Zugleich wird im Hinblick auf die europäische Binnenentwicklung der Zusammenhang zwischen dem ‚Kommunalismus‘, für den Nürnberg und Augsburg nicht zuletzt theoretisch stehen, und der Globalisierung ignoriert. Das entsprechende Kapitel strebt eine grundsätzliche Revision beider Perspektiven durch die Erforschung der Zusammenhänge zwischen den Netzwerken der oberdeutschen Kaufleute und dem Nürnberger und Augsburger Humanismus an.
  • Die Rolle Antwerpens in dem Entwurf der Provinzialverfassung der Niederlande und indirekt in der Ausformulierung des internationalen Rechts wird wegen der Einnahme der Stadt durch das spanische Heer i. J. 1585 gerne übersehen. Diese Zäsur erklärt auch, warum die Blütezeit der Stadt auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet kaum mit der dem Norden zugeschriebenen Entwicklung auf diesen Ebenen und auf dem politischen Gebiet in Verbindung gebracht wird. Diesen Zusammenhang soll das entsprechende Kapitel herstellen.