Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Familie, Besitz, Memoria. Ver­wandtschaft als materielles und spirituelles Fundament des spät­­mittel­alter­lichen Mönchtums

Prof. Dr. Gabriela Signori

Abstract

Die Familie beziehungsweise Verwandtschaft konstituierte in der Geschichte des Mönch­tums kein Kon­kurrenzverhältnis. Vielmehr war sie in historisch wandelbarer Gestalt von Anfang an Stütz­pfeiler und Nährboden, auf dem re­­­ligiöse Be­rufung ge­dieh und reifte in spiritueller wie in materieller Hinsicht. Auf ebendiese „familienfreundlichen“ Dimensionen des abendländischen Mönchtums soll sich mein neues Buchprojekt konzentrieren. Beschränken wird es sich aus methodischen Gründen auf das späte Mittel­­alter, weil die Familie als Folge einer sich ver­änderten Praxis der Namengebung in den spät­mittelalterlichen Quellen so sichtbar ist wie nie zu­vor.

Max Weber irrte, als er meinte, Familienfeindlichkeit sei im Christentum ein Kernstück as­­­ketischer Virtuosen­­frömmigkeit. Die von Matthäus (10, 35–38) verlangte radikale Abkehr vom Hausverband ist als frühchristlicher Kon­­ver­sions­appell zu begreifen und wurde im Mittel­­alter auch als solcher gedeutet. Sonst be­gegneten die Exegeten den Herrenworten über die Jahr­­hundert hinweg mit be­merkens­werter Zurückhaltung. Im Ordo caritatis, der Gott über alle anderen Menschen stellt, auch über Vater und Mutter, glaubten die Schriftgelehrten eine an­ge­messene Lö­sung ge­funden zu haben, den Appell zu ent­schärfen. Ihre Kommentare machen deutlich, dass die eigentliche Herausforderung nicht die Familie war, son­dern die Aporie zwischen Dekalog (2 Moses 20, 12) und Christus­nach­folge (Matthäus 19, 21).

Die alles überragende Liebe zu Gott wider­­­­sprach der im Vierten Gebot fixierten und mit drastischen Strafen belegten Gehorsams­pflicht der Kinder Vater und Mutter gegen­über. Von die­sem Konflikt handelt ein Gutteil der mittel­­alter­lichen Be­­kenner­­viten; davon handelt (im Spät­mittel­alter) um­ge­kehrt aber auch manch ein Gerichtsfall, in dem sich Kin­der in Berufung auf kanonisches Recht gegen Väter zur Wehr setzten, die sie zum Leben im Kloster zwangen.

Die Familie beziehungsweise Verwandtschaft konstituierte in der Geschichte des Mönch­tums kein Kon­kurrenzverhältnis, wie uns die an Regelliteratur orientierte Ordensgeschichte län­gere Zeit glauben machte. Vielmehr war die Familie in historisch wandelbarer Gestalt von Anfang an Stütz­pfeiler und Nährboden, auf dem re­­­ligiöse Be­rufung ge­dieh und reifte in spiritueller wie in materieller Hinsicht. Aus der Nach­kom­men­schaft der heiligen Makrina (gest. um 340) ent­stieg eine Schar heiliger Frauen und Män­ner, die bald in Gruppen, bald alleine Gott dienten und die Erinnerung an ihre leibliche und geis­tige Ur­mutter wach­hielten. Die Legenden von heiligen Ge­­schwistern­ führten den Gläubigen vor Augen, dass Geschwister­liebe in Christo die Ordo caritatis nicht infrage stellte, sondern vielmehr be­stärkte. Diese Kraft wurde zuweilen selbst für Freund­schafts­paare be­ansprucht (analog zu den Geschwistern).

Auf ebendiese „familienfreundlichen“ Dimensionen des abendländischen Mönchtums soll sich mein neues Buchprojekt konzentrieren, das thematisch und organisatorisch mit dem beim Exzellenzcluster ein­­gerichteten Forschungsprojekt ‚Klöster und Klausen am Bodensee. Integration und Des­inte­­gration einer Klosterlandschaft’ in unmittelbaren Zusammenhang steht. Beschränken wird sich das Buch­projekt aus methodischen Gründen auf das späte Mittel­­alter, weil die Familie als Folge einer sich ver­änderten Praxis der Namengebung in den spätmittelalterlichen Quellen so sichtbar ist wie nie zu­vor.

Die Hagio­graphie böte reich­haltiges Material, meine Thesen zu stärken, wenn selbst Figuren wie Ni­ko­­las von der Flüe (gest. 1487), zehnfacher Familien­vater, ihr Ein­siedlerleben in „Ruf­weite“ von Frau und Kinder führten. Doch möchte ich meine Un­ter­­­suchung nicht auf hagiographische beziehungsweise nar­rative, sondern auf serielle Quel­len stützen, um die strukturellen Dimen­sionen des Phänomens besser erfassen zu können.

Ver­pflichtet ist das Projekt den Methoden der Sozial­ge­schichte, nicht aber deren Prä­misse (dass die soziale Herkunft notwendigerweise die prä­gende Kraft im Den­ken und Handeln der Men­schen sei). Auf Frauen­klöster werde ich mich be­schränken, weil in den meisten spät­mittel­alter­lichen Män­­ner­klöstern kaum mehr Mönche anzutreffen sind. Mit zunehmender Men­dikan­ten­feindlichkeit der südwestdeutschen Städte verlor das „Kloster“ für Männer an Attraktivität zu­gunsten des „Kollegiatstifts“.