Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Neuerscheinung: Theodor Fontane: Ängstliche Moderne. Von Gerhart von Graevenitz

17. Juli 2014

Cover

Über das Imaginäre
Konstanz: Konstanz University Press 2014
Zitation

Die bewundernswert genaue Simulation des Alltags, der Konflikte und Seelennöte der Ober- und Mittelschichten macht Fontane bis heute zu den großen Vorbildern realistischen Erzählens. Und doch ist sein Stil weit entfernt von der „emphatischen“, manchmal forcierten Moderne des 20. Jahrhunderts, die ganz neue Instrumente der Darstellung erfunden hat. Fontanes Welt der bourgeoisen Heiratspolitik, der Gardeoffiziere, der Duelle und der Insassen märkischer Gutshäuser ist tiefes 19. Jahrhundert.

So fern diese Zeit aber zu sein scheint, hier sind die Grundlagen unserer Wirklichkeit gelegt worden. Der vehemente technologische, ökonomische und gesellschaftliche Wandel, Fortschrittsglaube und Fortschrittsängste und der Aufbruch in die Globalisierung setzen im 19. Jahrhundert ein. Zögerlich und gebrochen, nicht einfach vorwärts, sondern in viele Richtungen laufend, den Fortschritt ebenso organisierend wie den Konservatismus, so hat Fontanes „Moderne“ das kollektive Imaginäre erfunden, an das wir heute, jeder mit seinem individuellen Apparat, angeschlossen sind.

Als eine junge Begriffsprägung entstand das „Imaginäre“ mit dem Modernisierungsschub nach 1850 und dem bis heute stetigen Steigen der „Bilderflut“. Es hat seine Vorgängerbegriffe, die Einbildungskraft und die Phantasie, nicht abgelöst, aber die Subjekte und Institutionen träumten und sprachen nun in einem neuen Gesamtraum von „Imaginärem“, dessen Existenz das Ergebnis technischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse war. Fontane und die Freunde seiner „Sehgemeinschaft“ haben dieses neue Imaginäre erkundet und mit seiner kollektivistischen, globalen und visuellen Pointe dargestellt. Sie haben begriffen, dass nicht die klare Unterscheidung von real und irreal, sondern die alltäglichen Mischungen von Realem und Imaginärem das soziale und politische Handeln bestimmen. Vor allem Fontane hat gesehen, dass die Angst, mit Realien gespeist und Wirklichkeiten schaffend, sich in die Anachronismen seiner Moderne eingenistet hat.

Ausgehend vom Werk Theodor Fontanes eröffnet Gerhart von Graevenitz in seinem großen Buch eine neue Perspektive auf diese Moderne. (Verlag)

In den Medien

Warum es sich bis heute lohnt, Fontane zu lesen
Gerhart von Graevenitz bei „Ausgesprochen: Wissenschaft“ über sein aktuelles Buch „Theodor Fontane: Ängstliche Moderne“. Von Jörg-Peter Rau
Südkurier, 4. Dezember 2014

Erzählkunst gegen die Sintflut der BilderEin ganz starkes Fontane-Buch von dem Konstanzer Literaturwissenschaftler Gerhart von Graevenitz. Von Helmut WeidhaseSüdkurier, 3. November 2014

Der Germanist Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz ist Altrektor der Universität Konstanz und Permanent Fellow des Kulturwissenschaftlichen Kollegs Konstanz. Im Juli 2014 isr er zum Ehrenbürger der Universität Konstanz ernannt worden.


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