Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

(K)ein Weg zueinander?

29. November 2007

Die jüngste Nahost-Konferenz im amerikanischen Annapolis machte einen neuen Anlauf zu Frieden im Nahen Osten. Doch werden die Gegensätze zwischen der palästinensischen und israelischen Position zu überbrücken sein? In seinem Festvortrag anlässlich der Tagung „Bürgerkriege: Gewalt. Trauma. Intervention“ am 29.11. um 19 Uhr im Konstanzer Inselhotel erklärt Avishai Margalit die Hintergründe des immer wieder aufflammenden Konflikts.
Der Vortrag basiert auf Margalits Vorlesung „The Irving Howe Memorial Lecture“ an der City University of New York (CUNY), deren Grundgedanken im Folgenden skizziert werden.

Konstanz, 28. November 2007: Warum sind die Konfliktparteien im Nahen Osten so unversöhnlich? Avishai Margalit, der an der Jerusalemer Hebrew University Philosophie lehrte und sich u.a. als Mitbegründer von „Peace Now“ für ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern einsetzt, führt das Dilemma auf einen Hang zum Sektierertum zurück. Grundsätzlich anders als bei einem kapitalistischen, marktwirtschaftlich geprägten Weltbild baut die sektiererische Geisteshaltung auf einem religiösen Bild von Politik auf. Was aber heilig ist, erlaubt keine Alternativen, ist nicht verhandelbar.

Diese Haltung widerspricht laut Margalit demokratischen Vorstellungen in mehreren Aspekten: Andersdenkende werden ausgegrenzt, jeglicher Kompromiss abgelehnt und Zahlen bzw. Mehrheiten spielen keine Rolle. Denn eine u.U. geringe Anzahl von Anhängern wird damit erklärt, dass man zu einer kleinen Elite gehöre, die allein für die große Aufgabe auserwählt sei. Meist unterscheiden sektiererische Gruppen stark zwischen dem Reich des Lichts und des Guten, dem sie sich selbst zurechnen, und einem der Dunkelheit und des Bösen, in dem sie alle anderen wähnen.

Eine solche Einstellung birgt den Keim von Konflikten in sich. Im Nahen Osten heizt sie den Konflikt zwischen Arabern und Israelis an, wo aus Furcht vor interner Spaltung Sektierer in den eigenen Reihen geduldet werden, die unermüdlich den Hass gegen den „Nachbarn“ schüren. Warum? Im Islam gilt ein Bürgerkrieg unter Glaubensbrüdern als schwere Sünde, als schrecklichster religiöser Alptraum. Viele Palästinenser betrachten die aktuelle Kluft in der palästinensischen Gemeinschaft zwischen Hamas und Fatah als so einen tragischen inneren Konflikt (fitna). Ganz ähnlich herrscht unter den Juden in Israel Angst, dass ihnen ein Bruderkrieg drohe, falls ein Kompromiss mit den Palästinensern geschlossen werde.

Das vorstaatliche Israel, in dem Margalit aufwuchs, war in verschiedene gesellschaftliche Bereiche aufgeteilt: den der Arbeiterbewegung, den bürgerlichen, den religiösen und den ultra-religiösen. Diese Sektoren bestimmten das ganze Leben ihrer Mitglieder, hatten eigene Schulen, Ärzte, Zeitungen bis hin zu Kinos und Restaurants. Anders als eine sektiererische hat sich eine „sektorale“, d.h. auf den eigenen gesellschaftlichen Bereich fokussierte, Haltung über alle Unterschiede zu den anderen Gesellschaftsgruppen hinweg einem höheren Ziel verschrieben und ist dafür auch bereit, Kompromisse einzugehen. Als Beispiel dafür nennt Margalit das starke jüdische Engagement für den Zionismus, für einen eigenen Staat in Palästina.

Die jüdischen Siedler in den besetzten Gebieten schwanken ideologisch zwischen einer eher radikalen und dieser sektoralen Einstellung. Während zur Zeit der Evakuierung des Gaza-Streifens eher die Kompromissbereiten unter ihnen die Oberhand hatten, scheinen in der West Bank junge Fanatiker an Macht zu gewinnen. Beide Gruppen jedoch sind der Überzeugung, dass die Mehrheit der Israelis auf jeden Fall einen Konflikt gegen die Palästinenser einem Konflikt gegen ihre jüdischen Brüder vorziehen würden.

Die palästinensische Furcht vor dem inneren Konflikt gibt der Hamas die Macht, jede Vereinbarung mit Israel zu blockieren. Jüdische Siedler wiederum können aufgrund der israelischen Angst vor dem Bruderkrieg Abkommen mit den Palästinensern verhindern. Man müsse schon ein großer Optimist sein, so Margalit, um bei dieser Grundkonstellation Frieden in Palästina für greifbar zu halten.

Der vollständige englische Vortragstext von „The Irving Howe Memorial Lecture“ an der City University of New York (CUNY) erscheint in der nächsten Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift „Dissent“: Avishai Margalit: Sectarianism, in: Dissent, Winter 2008

Aktualisierung: Eine deutsche Fassung ist erschienen in: Avishai Margalit: Kompromisslose Weltretter. Wie der Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis von ideologischen Eliten auf beiden Seiten bedroht wird, in: Kulturaustausch. Zeitschrift für internationale Perspektiven, 1 2008


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