Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Die dargestellte Wirklichkeit der Politik und ihre Krise

 

Das Ende der Partei als Repräsentationsinstanz

Prof. Dr. Philip Manow

Abstract

Dem Projekt geht es um die Entwicklung einer Semiotik der repräsentativen Demokratie – ausgehend von der präzisen Beschreibung der politischen Orte und Dinge und Praktiken. Dabei geht es u.a. um die Frage, wie neue Medien und Technologien die politische Praxis und deren Zeichenhaftigkeit verändern. Dieses Projekt setzt ein früheres Interesse an der repräsentierten Repräsentation fort (Manow, 2010; Manow, 2017).

In der Politikwissenschaft hat Repräsentation üblicherweise eine recht klar definierte, umgrenzte Bedeutung: es geht dabei um Delegation in Wahlen, um stellvertretendes Handeln, und um die Kontrolle und ‘accountability’ der Repräsentanten (Shapiro et al., 2010; Manin et al., 1999; Mansbridge, 2003). Ergänzend wäre die Debatte um deskriptive Repräsentation zu nennen (Phillips, 1995; Pitkin, 1967; Pitkin, 1969). Kulturwissenschaftliche Weiterungen des Repräsentationskonzepts – etwa kunsthistorische und bildwissenschaftliche Beiträge (Bredekamp, 1999; Bredekamp, 2010; Ginzburg, 1999; Belting, 2005), oder auch literaturwissenschaftliche Zugänge (‘dargestellte Wirklichkeit’) – werden selten rezipiert.

Öffentlichkeit scheint hingegen als politikwissenschaftliches Thema kaum mehr vorzukommen. Zwar wird insbesondere der momentan technologisch induzierte ‘Strukturwandel der Öffentlichkeit’ in unzähligen populär-zeitdiagnostischen Beiträgen thematisiert, aber im engeren Sinne hat die Politikwissenschaft dieses Thema an die Medienwissenschaften oder andere Disziplinen ausgelagert – und damit aus dem Blick verloren. Dass damit auch in erheblichem Maße das Verständnis vom gewandelten Charakter gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozesse verloren gegangen ist, haben die eher hilflosen Reaktionen auf die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit – Brexit, US-amerikanische Präsidentenwahl – demonstriert.

Die Unergiebigkeit und oft auch geringe Halbwertszeit vieler Beiträge zum Thema der gewandelten Öffentlichkeit und der Bedeutung dieses Wandels für die repräsentative Demokratie scheint dabei aber nicht nur mit der Kompartmentalisierung der disziplinären Blicke zusammen zu hängen, sondern auch damit, dass bei diesen Beiträgen immer recht schnell das Interesse sichtbar wird, Beobachtungen unmittelbar zu der einen Diagnose allgemeiner Gültigkeit zusammenzuführen. Diese eher kurzfristige zeitdiagnostische Absicht bringt es dann im Regelfall mit sich, dass das Thema von vornherein und zu seinem Schaden auf recht hohem Abstraktionsniveau angegangen wird.

Dem Projekt geht es um die Entwicklung einer Semiotik der modernen repräsentativen Demokratie – ausgehend von der präzisen Betrachtung und Beschreibung politischer Einzelphänomene, der politischen Orte und Dinge und Praktiken. Dabei geht es u.a. um die Frage, wie neue Medien und Technologien eigentlich die politische Praxis und deren Zeichenhaftigkeit verändern. Ich möchte den Charakter dargestellter Politik an Einzelaspekten ihrer Inszenierung und ihres praktischen Vollzugs ablesen. Dieses Projekt setzt ein früheres Interesse an der repräsentierten Repräsentation fort (Manow, 2010; Manow, 2017).

Literatur

Belting H. (2005) Das Echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen, München: Beck.

Bredekamp H. (1999) Thomas Hobbes visuelle Strategien. Der Leviathan: Urbild des modernen Staates; Werkillustrationen und Porträts, Berlin: Akademie Verlag.

Bredekamp H. (2010) Theorie des Bildaktes, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Ginzburg C. (1999) Repräsentation. Das Wort, die Vorstellung, der Gegenstand. In: Ginzburg C (ed) Holzaugen. Über Nähe und Distanz. Berlin: Wagenbach, 97-119.

Manin B, Przeworski A and Stokes SC. (1999) Democracy, Accountability and Representation. New York: Cambridge University Press.

Manow P. (2010) In the King's Shadow. The Political Anatomy of Democratic Representation, Oxford: Polity Press.

Manow P. (2017) Die zentralen Nebensächlichkeiten der Demokratie. Von Applausminuten, Föhnfrisuren und Zehnpunkteplänen, Hamburg, Reinbek: Rowohlt (Polaris).

Mansbridge J. (2003) Rethinking Representation. American Political Science Review 97: 515-528.

Phillips A. (1995) The Politics of Presence. The Political Representation of Gender, Ethnicity, and Race, Oxford: Oxford University Press.

Pitkin HF. (1967) The Concept of Representation, Berkeley and Los Angeles: University of California Press.

Pitkin HF. (1969) Representation. New York: Atherton Press.

Shapiro I, Stokes SC, Wood E, et al. (2010) Political Representation. New York: Cambridge University Press.