Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Kulturelle Gegenöffentlichkeit(en) in Russland

Von der späten Sowjetunion bis zur Gegenwart

PD Dr. Klavdia Smola

Abstract

Das Projekt analysiert alternative Literatur- und Kunstprojekte in Russland seit 2000 und ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit. Im Mittelpunkt stehen folgende Fragen: Welche Auswir­kungen hat die Fernseh- und Digitalpolitik im neuen Russland auf Ästhe­tiken und Praktiken der kreativen Devianz? Wie reagieren die Künstler auf neue Mechanis­men der Öffentlichkeitsformierung in einer Gesellschaft, die ihr Wissen nicht mehr aus den Schriftme­dien, sondern vor allem aus den (visuellen) elektronischen Medien bezieht? Und: Wie veränderte die partielle Di­gita­lisierung der kulturellen Gegen­öffent­lichkeit den ästhetischen und politischen Charakter der Kunst?

Das Projekt untersucht die Transformation der kulturellen Gegenöffentlichkeit in Russland von der späten Sowjetzeit bis zur Gegenwart anhand der alternativen Kunstprojekte der 2000-2010er Jahre. Dabei interessieren, zum einen, die neuen Medien und Verfahren, die die Ästhe­tik dieser Projekte formen, zum anderen, die Entwicklung, die alternative Kunst und Lite­ra­tur seit der späten Sowjetzeit erfuhr und die ihre Sicht­barkeit vor dem Hintergrund der ver­än­derten Medien und „Poetiken“ der staatlichen Selbstrepräsentation bedingen. Diese Fragestel­lung nimmt die Zeitabschnitte unter die Lu­pe, die eine „Kräfteasymmetrie“ zwischen Staats-/Regierungsmacht und künstlerischem In­di­vi­du­um besonders deutlich aufweisen und deshalb eine bisher unerforschte Entwicklung in den Strategien, Ästhetiken und Praktiken der kreati­ven Devianz markieren: Die spät­sow­jetische Periode führt an das Russland der 2000-2010er Jahre heran.

Neben dem Wiederaufleben sowjetisch tradierter Formen der Öffentlichkeit, leiteten neue „po­litische Technologien“ im Russland der Gegenwart auch eine neue Epoche des Dissens’ ein. Die im Projekt geplante Historisierung des russischen Dissens’ beruht auf der These, dass die Verwendung der neuen (Multi-)Medien und die Politisierung der ästhetischen Räu­me, die die alternative Kultur heute auszeichnen, einerseits auf die Kulturvor­bil­der der 1970er- bis 1990er Jahre zurückgreifen, andererseits auf die neuen Mecha­nismen und Strategien der Öffentlichkeitsformierung der 2000-2010er Jahre reagieren. Die diskursive Kulisse der neuen Gegenöffent­lich­keit sind russische Massen­medien, die Propaganda und Zensur mit einer kontaminierten Version der neoliberalen „Psychopolitik“ (Pyŏng-ch'ŏl Han 2014) verbinden.

Die Verhältnisse zwischen dem ästhetisch Anderen und politisch Devianten werden in Russland diskutiert und immer neu erprobt. Tatsächlich entwickeln sich die heutigen Gegenkulturen im Vergleich zur späten Sowjetzeit in einem anderen soziokulturellen Kontext. Verstörende, ja subversive Ästhetiken von früher ‒ Kunst des Hässlichen und des Schockierenden; Soz Art; Konzeptualismus u.a. ‒ etablierten sich bereits Anfang der 1990er Jahre. Seit 2000 lösen sich die alternativen Kulturäu­ßerungen potenziell im Main­stream auf, der nicht nur den Regie­rungs­stil nachahmt, sondern auch post-avantgardistische Kunst­stilistiken domestiziert. In der Situation der neuen Polarisierung des nonkonformen künstlerischen Individuums einerseits und der Macht/der Mehrheit andererseits stellt sich deshalb erneut die Frage nach der Sichtbarkeit und (außer-)ästhetischen Wirkung der Kunst, nach der Radikalität, der öffentlichen (Nicht-)Präsenz und dem Elitarismus.

Die alternative Kultur positioniert sich heute sowohl in öffentlichen Räumen der Städte als auch in vir­tu­el­len Räu­men der Internet­platt­formen. Sie entwickelt – hier durchaus ähnlich wie in der spätsowjetischen Zeit – ihre eigenen Lebensweisen und Subkul­turen, gründet alternative Veröffentlichungsorgane und formt ihr alternatives Publikum. Im Kontext der veränderten Öffentlichkeitsstrukturen (etwa der for­cier­ten Fernsehpolitik) behauptet die Gegenkultur ihre Präsenz zunächst in multimedialen Prä­sentationen, die Praktiken der physischen Intervention in öffentliche und private Räume mit der selbstdeklarierten „Erforschung“ der digitalen Räume und Verfahren verbinden. Wichtig ist dabei der Rückgriff der Projektbeteiligten auf Theoretiker wie Jacques Rancière, Franklin R. Ankersmit, Herbert M. McLuhan, Alain Badiou und Jaques Derrida (v.a. „Marx’ Gespenster“). Ein markantes Ergebnis dieser Multimedialität und Auto­reflexivität des künstlerischen Diskurses sind kreative Kollek­tive, in denen die Künstler, Kulturtheoretiker, Philosophen und Historiker zusammenkommen.

Im geplanten Vorhaben sollen zwei Projekte analysiert werden, die sich gegenüber der bestehenden kulturellen und politischen Ordnung als „linke“ Gegenkulturen positionieren und Körper, Stadt- und Naturräume, aber auch Lesungen, Theatervorführungen, Filme und Aus­stel­lun­gen als Medien der alternativen Äußerungen erproben. Ihre Internetplattformen sind „er­weiterte“ Räume, in denen Kunst gemacht, kommuniziert, analysiert und veröffentlicht wird: 1) die Gruppe Was tun? (Čto delat’) und die gleichnamige Zeitung; 2) die Gruppe Laboratorium des Poetischen Aktionismus (Laboratorija Poėtičeskogo Akcionizma) und die Zeitschrift Translit