Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Medien der Gefolgschaft

Dr. des. Anne Ganzert

Abstract

„Medien der Gefolgschaft“ untersucht, wie Anhängerschaft in und vermittelt durch mediale Vorgänge verfertigt wird. Ausgangsbeobachtung ist, dass gegenwärtige Ausprägungen von Gefolgschaft aus Praktiken digital vernetzter Medien hervorgehen. Diese Praktiken erfordern eine theoretische Neuperspektivierung von Gefolgschaft die auf der Grundlage einer breit gefächerten kulturwissenschaftlichen Forschung auf aktuelle Problemlagen antworten soll.

Das Projekt „Medien der Gefolgschaft“ möchte untersuchen, wie Anhängerschaft in und vermittelt durch mediale Vorgänge verfertigt wird. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass wir es gegenwärtig mit neuen und sehr unterschiedlichen Ausprägungen von Gefolgschaft zu tun haben, die aus Praktiken digital vernetzter Medien hervorgehen. Die Praktiken des Nachfolgens oder Verfolgens, die sich aktuell beobachten lassen, haben eine besondere gesellschaftliche Brisanz. Sie erfordern eine theoretische und kultur-historische Neuperspektivierung von Gefolgschaft die sich nicht mit einer reinen Gegenwartsdiagnose zufrieden geben kann, sondern auf der Grundlage einer breit gefächerten kulturwissenschaftlichen Forschung auf aktuelle Problemlagen antworten soll.

Charakteristisch für die aktuelle Konjunktur der Anhängerschaft ist das Prinzip des ‚Following’, das vor allem für das Soziale Netzwerk Twitter, aber auch für viele andere Applikationen und Plattformen gilt: Jeder Twitter-User schart eine mehr oder weniger große Anzahl anderer User um sich, die ihm ‚folgen’, also seine öffentlich verschickten Kurznachrichten abonniert haben. Die Gefolgschaft des Twitterns ist somit kein unidirektionales Herrschaftsverhältnis zwischen einem Führer und zahlreichen Anhängern, sondern ein dynamisches Beziehungsgefüge zwischen sich wechselseitig folgenden Akteuren bzw. zwischen heterogenen Anhängerschaften.

Es scheint gegenwärtig ein signifikantes politisches oder ökonomisches Potenzial darin zu liegen, diese Praktiken sozialer Netzwerke zu bespielen: So kann sich beispielsweise die AfD eine eigene Öffentlichkeit schaffen und sich die dezentrale Logik des Following zunutze machen, indem sie auf den ‚Retweet’, also das Weiterleiten von Kurznachrichten an die eigenen Follower, setzt oder indem sie neben dem offiziellen Partei-Account anonyme Unterstützer-Accounts einrichtet, über die sie radikalere Inhalte verschicken oder schlicht „ein Grundrauschen im Sinne der Partei“ (Reuter 2017) hervorrufen kann.

Wie auch erste Analysen der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 zeigen, steht in einer Politik via Twitter weniger gezieltes Kalkül der Anführung einer Gefolgschaft im Vordergrund als vielmehr das Vertrauen in die eigendynamische Operationsweise der Medien, die Gefolgschaft verfertigen: Kritische und persiflierende Internet-Memes (Milner/Phillips 2016) und Negativschlagzeilen der sogenannten ‚Lügenpresse’ könnten ebenso zu Donald Trumps Wahlerfolg beigetragen haben, wie all die Social Media-User, die seinem Snapchat- oder Twitter-Account folgen, um sich informiert echauffieren zu können.

Die Praktiken des Folgens in Sozialen Netzwerken sind noch in einer weiteren Hinsicht aufschlussreich für eine Neuperspektivierung von Gefolgschaft: Twitter-Follower finden sich nicht vorrangig zu politischen Themen und nicht unbedingt um eine charismatische Persönlichkeit zusammen. Zwar führt im Mai 2017 mit Katie Perry ein Popstar das Ranking der Follower-stärksten Twitter-User an, und zwar mit einer Anhängerschaft von fast 100 Millionen. Aber auch der Account der Fernsehserie „Game of Thrones“ kann sich immerhin mit einer Follower-Anzahl von 5,44 Millionen rühmen. Dem Twitter- Account der Plattform Twitter selbst folgen über 60 Millionen NutzerInnen. (Twitter Counter 2017)

In den Praktiken des wechselseitigen Folgens und des Weiterleitens von Nachrichten webt sich somit ein Gefüge der Anhängerschaften, in dem sich politische, ökonomische und popkulturelle Strategien in einer noch näher zu bestimmenden Weise überkreuzen. Es wäre deshalb angezeigt, das Konzept der Gefolgschaft aus einer vorherrschenden militärischen und politisch-ideologischen Perspektivierung zu lösen und stattdessen auch die Nähe zur Geschichte des Fans (Schmidt-Lux) oder der (literarischen, künstlerischen, religiösen bzw. wissenschaftlichen) Jüngerschaft auszuloten. Neben Treue, Loyalität und Gehorsam wären somit auch Begeisterung, Schwärmerei und Fanatismus als Bindungsformen des Folgens zu berücksichtigen.

Die knapp skizzierten Beobachtungen von Praktiken des Twitterns markieren keinen fixierten Gegenstandsbereich des geplanten Projekts. Vielmehr soll der Befund einer aktuellen Konjunktur von Anhängerschaften dazu beitragen, Fragen zu entwickeln, anhand derer sich das kulturwissenschaftliche Gegenstandsfeld und die systematische Erschließung von „Medien der Gefolgschaft“ konturieren lassen.