Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Fremde Heimkehr

Dr. Eva Eßlinger

Abstract

Das Projekt widmet sich der problematischen Figur des Heimkehrers in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Dabei sollen zum einen die Transformationen und Kontinuitäten im Verhältnis zum antiken nostos-Schema herausgearbeitet werden. Zum anderen soll gezeigt werden, in welchem Maß die Literatur des 19. Jahrhunderts von Mobilitäts- und näherhin Migrations-Erfahrungen geprägt ist. In den vielfältigen Heimkehr-Szenarien beweist sie ein feines, analytisches Gespür für die krisenhaften, die Identität des Zurückkehrenden ebenso wie das soziale Gefüge gefährdenden Elemente von Heimkehr. Insofern leistet sie einen aktualisierbaren Beitrag zur Analyse moderner Gesellschaften, die mit dem Problem der jahrelangen Abwesenheit und plötzlichen Rückkehr weiter Teile zumal der männlichen Bevölkerung konfrontiert sind.

Das vorliegende Projekt befasst sich mit der literarischen Figur des Heimkehrers und damit zugleich mit der Schwierigkeit, heimzukehren. Im weitesten Sinn ist sein Gegenstand als eine anthropologische Universalie ansprechbar. Dass Menschen migrieren, ist ein Sachverhalt so alt wie die Menschheitsgeschichte. Gerade im Licht jüngster Entwicklungen ist deshalb vermehrt vom Menschen als homo migrans die Rede, mithin als einem Wesen, bei dem das Wandern nachgerade zur natürlichen Grundausstattung gehört. Auch dass Menschen, die ihrer Wege gehen, einen besonderen Ort als ihre Heimat wahrnehmen und mit Merkmalen der Zugehörigkeit und Vertrautheit ausstatten, reicht vermutlich in die ältesten Zeiten der Sesshaftwerdung zurück. Man darf überdies mutmaßen, dass derartige affektive Besetzungen in historischen Phasen erhöhter Mobilität und einer damit einhergehenden Beunruhigung besonders auf die Probe gestellt werden. Es ist eine der Grundannahmen des Projektes, dass das europäische 19. Jahrhundert eine solche historische Phase darstellt. Davon zeugen nicht nur die zeitgenössischen Debatten zur Auswanderung und die Entstehung der so genannten Wanderungsforschung, die das Phänomen der (Re-)Migration erstmals wissenschaftlich zu beschreiben versucht, sondern auch die moderne Literatur. Während Mobilität und Migration im politischen Diskurs und in den populären Medien der Zeit vorzugsweise in der Gestalt des Auswanderers, Abenteurers und Werbers thematisiert werden, also mit Blick auf diejenigen, die das Land verlassen oder dazu aufrufen, befasst sich die avancierte Literatur vor allem mit den sozialen Herausforderungen, auf die diejenigen stoßen, die den umgekehrten Weg einschlagen: nicht fort von Europa, sondern wieder zurück in die Region, der sie vor Jahren den Rücken gekehrt haben. In einem spezifischeren Sinn behandelt das Projekt deshalb die Heimkehr als ein Literaturprogramm der Moderne.

Die Geschichte der Heimkehr in der Moderne, so die These, findet in unterschiedlichen Dimensionen und auf verschiedenen Ebenen statt: Als Geschichte im Raum erzählt sie von unbekannt oder fremd Gewordenen, die unverhofft heimkehren und das soziale Gefüge kurzfristig oder auf Dauer durcheinander bringen; auf einer zweiten Ebene spielt sich indessen ein Geschehen ab, dessen Dimension und zugleich Verhandlungsgegenstand die Zeitlichkeit ist – nämlich in der Anverwandlung und ›Heimholung‹ einer seit alters überlieferten Fabel. Während sich also noch die Heimkehrergeschichten des 19. Jahrhunderts auf die antike nostos-Tradition stützen, beziehen sie ihre konkreten Erzählanlässe jedoch aus der unmittelbaren Gegenwart, die von massiven Wanderungsbewegungen innerhalb und außerhalb der deutschen Länder und infolgedessen von einer enormen Unruhe gekennzeichnet ist, die offenbar zu literarischen Bearbeitung drängt.

Charakter und Schicksal der betreffenden ›Helden‹ variieren in hohem Maß. Mal ist es ein Hirtenjunge, der nach einer langen Reise in den Orient als gereifter Mann ins Dorf zurückkommt, mit einem Nimbus rätselhafter Fremdheit umgeben (vgl. Eßlinger 2014/2017). Mal ist der Protagonist ein Soldat in kolonialen Diensten gewesen und präsentiert sich den Daheimgebliebenen als ein gemachter Mann und kriegserfahrener Oberst (vgl. Eßlinger 2017); mal hat er sich in Brasilien eine neue Existenz und zugleich Identität geschaffen und kehrt in seine alte Heimat zurück, um sich sein Erbteil zu holen und die Daheimgebliebenen ins Unrecht zu setzen. In der Mehrzahl der Fälle verläuft die Reise jedoch weniger spektakulär und wird überdies nicht von äußeren Erfolgen gekrönt. Die größte Zahl der überwiegend männlichen Figuren kommt mit leeren Händen aus Amerika und anderen mehr oder minder fernen Regionen zurück.

Wie auch immer diese Geschichten im Einzelnen gestaltet werden – was sie verbindet, ist eine Art von Erwartungsstörung. Dem ersten Anschein nach bringen die Figuren ein Wetterleuchten der großen Welt in die beengten Verhältnisse der Heimat hinein. Aber diese Heimat ist auf ihre Ankunft nicht eingerichtet. So sehr die Fortgegangenen vermisst worden sein mögen (das ist keineswegs immer der Fall), zum Zeitpunkt ihrer Ankunft wartet niemand auf sie – und falls doch, dann werden die beiderseitigen Erwartungen enttäuscht. Denn sowohl die neuerliche Kontaktaufnahme als auch die weitere Kommunikation zwischen den Heimkehrern und den Daheimgebliebenen erweisen sich als problematisch. Es ist, als ob der Aufenthalt in der Ferne einen Riss erzeugt hätte, im räumlichen wie im zeitlichen Sinn: räumlich, weil die Ferne sich in die Nahwelt der Heimat nicht eintragen lässt; zeitlich, weil durch die verflossenen Jahre eine Diskontinuität, eine in der Regel nicht zu schließende Lücke entstanden ist.

So lässt die Heimkehr eine Lücke sichtbar werden, die erzählerisch zugleich ausgestellt und bewältigt werden muss. Auf einer anderen Ebene gilt dies auch für die Figur des jeweiligen Protagonisten selbst. Denn so groß die anthropologische Reichweite des Heimkehr-Motivs auch sein mag und so oft es in der abendländischen Literatur behandelt wird – bislang hat die Gestalt des Heimkehrers nur ein schwaches theoretisches und historisches Profil erhalten. Eine allgemeine Theorie der Heimkehr gibt es nicht. Auch eine umfassende Studie zur literarischen Figur des Heimkehrers ist noch nicht geschrieben. Will man die Heimkehr nicht einfach als einen menschlichen Grundvorgang bestimmen, der über Zeiten und Räume hinweg letztlich unveränderlich bleibt, stellt sich die Aufgabe, die Strukturbedingungen des Motivs von einer Serie konkreter literarischer Ausgestaltungen des 19. Jahrhunderts her abzuleiten, ohne dabei seine allgemeine anthropologische Valenz und die ihm zugehörige historische Tiefendimension zu vernachlässigen.