Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Syrische Christen zwischen den Fronten

Konversion, Kopfsteuer oder sterben: Ist der Bürgerkrieg in Syrien das Ende der uralten Geschichte des orientalischen Christentums? Über eine außergewöhnliche Zusammenkunft der höchsten aramäischen Würdenträger mit Wissenschaftler/innen und Bürger/innen in Konstanz

Von Ralph Barczok

Dokumentarfilm über das Hearing, Konstanz, 21.–23. November 2014

Fassungslosigkeit und Trauer sprachen aus den Berichten der höchsten Vertreter dreier syrischer Kirchen aus Mosul und Damaskus, die Ende November 2014 zu einer außergewöhnlichen Zusammenkunft nach Konstanz kamen. Erstmals trafen sich hier die Würdenträger aramäischsprachigen Christen mit international renommierten Wissenschaftler/innen und Bürger/innen aus Deutschland und der Schweiz.

Die Katastrophe der aramäischsprachigen Gemeinschaft im Irak und in Syrien

Als Augenzeuge schilderte Mor Nikodimus Daoud Sharaf, der Erzbischof der Syrisch-Orthodoxen Kirche der Diözese Mosul, die Übernahme der Stadt Mosul durch die Terrorgruppe „Islamischer Staat“. An der historischen Dimension des Geschehens ließ sein emotionaler Bericht keinen Zweifel: „Die 1500 Jahre alte Geschichte von Mosul und seines Bischofssitzes werden gerade gewaltsam beendet.“ Die Kämpfer hätten die Christen vor die Wahl gestellt, zu konvertieren, eine hohe Kopfsteuer zu zahlen, zu fliehen oder zu sterben. In der Folge seien 160.000 Christen geflohen, vor allem ins benachbarte irakische Kurdistan, wo Hunger und Wohnungsnot an der Tagesordnung sind.

Auch Erzbischof Mar Odisho Oraham, Gesandter des Katholikos-Patriarchen der Assyrischen Kirche des Ostens,  schätzte die gegenwärtigen Ereignisse als den vorläufigen Endpunkt einer langen Geschichte der Verfolgungen ein. Die Christen in Syrien und Irak stünden heute zwischen den Fronten der muslimischen Mehrheitsgesellschaft  und den westlichen Mächten – wie schon vor Jahrhunderten zwischen Kreuzfahrern und Muslimen.

Als Ausweg aus dieser katastrophalen Lage, dies betonten mehrere der Würdenträger, sei eine Schutzzone für Christen im Irak unerlässlich, die von der westlichen Staatengemeinschaft garantiert und durchgesetzt werden müsse. Sie forderten eine Trennung von Staat und Religion und die Chancengleichheit aller Religionen. Dies sei eine Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben in der Region.

S. B. Mor Gregorius III. Laham, Patriarch der Melkitisch-Katholischen Kirche von Antiochien
S. B. Mor Gregorius III. Laham, Patriarch der Melkitisch-Katholischen Kirche von Antiochien. Fotogalerie des Hearings

Frieden durch christlich-muslimisches Miteinander

Eine Zukunft in Syrien und Irak könne es für die Christen letztlich nur im Dialog und mit Unterstützung der Muslime geben. Für Gregorius III. Laham, Patriarch der melkitisch-katholischen Kirche, stünden sich Christentum und Islam zwar derzeit teils unversöhnlich gegenüber, doch historisch und kulturell seien sie untrennbar miteinander verbunden: „Ein Teil des Islams ist christlich und ein Teil des Christentums muslimisch“, sagte er. Die Christen im Orient könnten und müssten den Muslimen helfen, Alternativen zu den gewaltsamen Ideologien von IS und anderen zu entwickeln. Der Frieden im Nahen Osten müsse daher ein gemeinsames christlich-muslimisches Projekt sein.

„Trotz der scheinbar hoffnungslosen Situation wollen viele Christen in ihrem Heimatland bleiben. Sie verstehen sich nicht als Minderheit, sondern als einen integralen Bestandteil der orientalischen Kultur und Gesellschaft. Sie wollen die Zukunft gleichberechtigt mitgestalten, denn die kulturellen Kontakte zwischen Muslimen und Christen waren immer intensiv“, resümiert die Organisatorin der Veranstaltung, Dorothea Weltecke.

Perspektiven der Wissenschaft auf Geschichte, Sprache und Politik

Die wissenschaftlichen Vorträge des Hearings beleuchteten den historischen Hintergrund der syrischen (aramäischen, assyrischen) Christen, zeichneten die Entwicklung der aramäischen Sprache nach und analysierten die aktuelle politische Lage.

Eleanor Coghill im Gespräch
Eleanor Coghill im Gespräch. Fotogalerie des Hearings

Die Vorträge von Hubert Kaufhold (München) und Eleanor Coghill (Konstanz) unterstrichen, wie stark die christliche und aramäische Kultur im Nahen Osten verwurzelt ist und so auch die Grundlage der muslimischen Kultur bildet. Kaufhold zeichnete die Entstehung des orientalischen Christentums sowie von deren Verfolgungen nach, während die Semitistin und Aramaistin Coghill die Geschichte der aramäischen Sprache von den Anfängen bis zur heutigen Zeit wiedergab – eine Zeitspanne von nicht weniger als 3000 Jahren Schriftkultur.

Der Soziologe Gabriel Hanne (Warschau) berichtete über seine Forschung zum Islamismus. Er unterstrich die religiöse Motivation der radikalen Gruppen und warnte davor, sie allein aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen zu erklären und damit ihre genuin religiösen Ziele zu unterschätzen. Die Akteure seien von der Überzeugung geleitet, dass ihre Form des Islams die authentische sei und hielten sich für göttlich legitimiert, ihre islamische Herrschaft weltweit mit gewaltsamen Mitteln durchzusetzen.

Als Politologe befasste sich Wolfgang Seibel (Konstanz) mit der Rolle Deutschlands und der internationalen Staatengemeinschaft im syrischen Bürgerkrieg und im Irak. Seine Einschätzung: Vor allem Russland könne Einfluss auf die syrische Regierung ausüben.

Die Sprachlosigkeit der deutschen Gesellschaft

Den Abschluss des Hearings bildeten eine Podiumsdiskussion und ein ökumenischer Gottesdienst. Die Mehrzahl der 400 Zuhörerinnen und Zuhörer waren Christen, deren Eltern oder die selbst aus dem Vorderen Orient nach Deutschland eingewandert waren. Sie äußerten sich bestürzt über die Sprachlosigkeit von Gesellschaft und Medien im Umgang mit den Gewalttaten im Irak und in Syrien und vermissten ein Engagement der deutschen Regierung.

„Das vielleicht wertvollste Element der Veranstaltung aber war die Erfahrung der Gemeinschaft der unterschiedlichen Kirchen aramäischer Tradition, die Begegnung mit den Würdenträgern und die Anteilnahme der Konstanzer Kirchen, der Konstanzer Bürger/innen, nicht zuletzt auch der jüdischen Gemeinde und der Konstanzer Muslime“, meinte abschließend Organisatorin Dorothea Weltecke.

Der Theologe Ralph Barczok ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für aramäische Studien der Universität Konstanz.

Organisation des Hearings: Forschungsstelle für aramäische Studien der Universität Konstanz (Prof. Dr. Dorothea Weltecke, Geschichte der Religionen) und Stiftung für Aramäische Studien (Zeki Bilgic, Amill Gorgis).

Weitere Informationen

Wie Aramäisches Christentum in der Schweiz überlebt
Radiobeitrag mit Dorothea Weltecke, der Leiterin der Forschungsstelle für aramäische Studien an der Universität Konstanz, über die Bedeutung des Aramäischen für unser Verständnis des Christentums und die bedrohliche Lage der Aramäer in Syrien und dem Irak.
SRF Kultur, 25. Januar 2015

Das aramäische Christentum im Nahen Osten
SRF Kultur, 30. November 2014

Bundesverband der Aramäer in Deutschland
Webseite

Stiftung zum Erhalt und zur Förderung des Aramäischen Kulturerbes
Webseite

Wikipedia
Aramäische Sprachen, Aramäer (Christentum)