Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Weltweit forschen – drei Spotlights

Konstanzer Wissenschaftler/innen forschen international. Welche Erfahrungen sie dabei sammeln, schildern sie hier. Drei Spotlights auf die Forschungspraxis von Mitgliedern des Exzellenzclusters außerhalb Europas.

Südostasien

Karte der ASEAN-Mitgliedstaaten
Karte der ASEAN-Mitgliedstaaten

Kerstin Schembera reiste im Winter 2013 an die Australian National University (ANU) in Canberra. „Meine Motivation war, meine Regionalexpertise über Asien-Pazifik auszubauen, was an der Universität Konstanz nur begrenzt möglich war“, erklärt die Politikwissenschaftlerin. In ihrem Promotionsprojekt erforscht sie, wie demokratische Normen verhandelt oder gar etabliert werden, wenn ein weiteres Land der Regionalorganisation ASEAN in Südostasien beitreten will. „Darüber hinaus wollte ich mein eigenes Forschungsprofil und ein Netzwerk aufbauen“, fügt die junge Wissenschaftlerin hinzu.

Vor Ort tauschte sie sich nicht nur mit Länderspezialisten der ANU beispielsweise über Thailand, Indonesien oder Myanmar aus. „Besonders schätzte ich, dass ich an der Australian National University Zugang zu einer Unmenge von Informationen zu meinem Forschungsgegenstand hatte“, betont sie. Auf mehreren Konferenzen vor Ort lernte sie Experten aus der ganzen Welt kennen, die ihr auch wichtige Interview-Kontakte für ihre spätere Feldforschung vermittelten.

Diese führte sie im Frühjahr 2014 in die fünf Gründungsstaaten der ASEAN – Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand und die Philippinen – sowie nach Myanmar, weil sie dazu eine Fallstudie in ihrer Dissertation plante. „Bei der dreimonatigen Reise ging es mir darum, konkret in die erforschten Regionen zu gehen und Interviews mit den Entscheidern zu führen, die dabei waren, als sich die ASEAN in den 1990ern erweitert hat“, sagt Schembera. Die Interviews vor Ort mit Mitarbeiter/innen der Außenministerien sowie Vertreter/innen von Nichtregierungsorganisationen lieferten ihr unverzichtbare Erkenntnisse für das Promotionsprojekt. „Bei der ASEAN sind viele Informationen über das, was die Staats- und Regierungschefs hinter verschlossenen Türen diskutieren, nicht zugänglich“, erklärt Schembera. „Anders als bei der EU gibt es keine öffentlich zugänglichen Protokolle. Aufgrund dieser Datenlage war ich geradezu auf die Interviews angewiesen, um Details herauszufiltern und Nuancen mitzubekommen.“

Ein weiterer Auslandsaufenthalt ist bereits geplant, diesmal um den Antrag für ein Post-doc-Projekt vorzubereiten, das ebenfalls in der Asien-Pazifik-Region lokalisiert sein soll.

Iran

Universität Teheran, Haupteingang
„University of Tehran“ von blondinrikard auf Flickr. Einige Rechte vorbehalten

Ganz ohne bestehende wissenschaftliche Kontakte erschloss sich der Ethnologe Mirco Göpfert ein neues Forschungsthema. Nach seiner Dissertation zu Polizeiarbeit im westafrikanischen Niger und einem Junior-Fellowship am Kulturwissenschaftlichen Kolleg Konstanz im Sommersemester 2015 befasst sich Göpfert nun mit der Kunstproduktion im Iran. „Wenn du denkst, dass du eine Geschichte schon gehört hast, dann forsche zu etwas anderem“, begründet Göpfert seine Motivation, mit der ethnographischen Feldforschung im Iran ein Forschungsgebiet zu betreten, das inhaltlich wie regional Neuland für ihn war. Neben dem Forschungsinteresse gehört dazu natürlich auch eine Portion Risikobereitschaft.

Mirco Göpfert interessiert weniger die Lage politischer Dissidenten in dem autoritären Staat – ihn treibt eher die Frage um: Wie können Künstler/innen unter den Bedingungen des gegenwärtigen Regimes nichtpolitische Karikaturen schaffen? Wie kann Kunst, insbesondere Karikatur-Kunst, unpolitisch sein in einem Land, das im Westen fast durchweg vor dem Hintergrund politischer Repression wahrgenommen wird?

Wie aber gewinnt man ohne persönliche Verbindungen tiefere Einblicke in den Alltag fremder Menschen? Geholfen haben dann doch neu gewonnene Kontakte zu Fachkolleginnen und -kollegen: Nach einem längeren Sprachkurs klopfte Göpfert unvoreingenommen an die Tür der Teheraner Ethnologen, die ihn prompt willkommen hießen. Auf deren Einladung erhielt er im Sommer 2016 eine Gastdozentur an der Universität Teheran, was ihm weitere Türen öffnete und ihm die Recherchen im Land erleichterte.

USA

Gruppenfoto
Teilnehmer/innen der Tagung „Iconic Revolts. Political Violence in Early Modern Imagery“ in Harvard 2014

Der Historiker Malte Griesse trat im Oktober 2013 ein von der Volkswagenstiftung gefördertes einjähriges Fellowship am Mahindra Humanities Center der Harvard University an. Damals leitete er seit einem halben Jahr die Cluster-Nachwuchsgruppe „Revolten als Kommunikationsereignisse in der Frühen Neuzeit“ mit den Promovierenden Monika Barget und David de Boer. „Meine Priorität war die Gruppe, weshalb ich notfalls auch das Fellowship an den Nagel gehängt hätte“, schildert der Historiker die Situation, als er von der Bewilligung des Fellowships erfuhr. „Aber dann kam vom Cluster die Anregung, für einen Teil dieser Zeit die Gruppe nach Harvard mitzunehmen.“

Monika Barget und David de Boer kamen im Frühjahr 2014 ebenfalls nach Boston, was auch für Harvard – zumindest im Rahmen solcher Fellowships – ein Novum gewesen sei. Die Gruppe profitierte für ihre frühneuzeitlichen Forschungen von den großartigen Bibliotheken, gerade der Widener Library und der Houghton Library, und organisierte abschließend eine Tagung über Revolten und Bilder „Iconic Revolts. Political Violence in Early Modern Imagery“. „Über die wissenschaftlichen Erträge hinaus hat uns die gemeinsame Zeit im Ausland natürlich auch zusammengeschweißt“, ergänzt Griesse.

Inhaltlich seien die Projekte europäisch geblieben – Griesse forschte für seine Habilitationsschrift „Frühneuzeitliche Revolten als Kommunikationsereignisse: Die Krise des 17. Jahrhunderts als Produkt der Medienrevolution“, de Boer zu „Communicating Revolt in the Dutch Republic“ und Barget zum Thema „Glorious Revolution und unnatural rebellion – britische Konzepte des gewaltsamen Aufstandes im europäischen Kommunikationsnetz des 18. Jahrhunderts“. Inspiriert durch die Forschungen in Harvard nahm Barget die transatlantische Dimension mit in ihre Arbeit auf. „Dadurch, dass Monika auch viel mit den kolonialen Zeitungen und Korrespondenzen gearbeitet hat, gewann ihr Projekt nochmals andere Konturen“, erklärt der Leiter der Nachwuchsgruppe.

Für alle drei befragten Wissenschaftler/innen sind die Auslandsaufenthalte ein wichtiger Baustein ihrer wissenschaftlichen Karriere: Sie betonen, wie weit die im Ausland verbrachte lange Zeit ihre Forschungen vorangebracht, sie teils erst ermöglicht habe. Gerade deshalb sei eine solide Drittmittelfinanzierung gerade hier essentiell, erklärt Malte Griesse.

cmv, jkr

Die Wissenschaftler/innen

Kerstin Schembera

Kerstin Schembera promoviert am Exzellenzcluster über regionale Integration und die Herausbildung von Normen in Südostasien.

Mirco Goepfert

Dr. des. Mirco Göpfert ist Akademischer Mitarbeiter bei der Professur für Ethnologie und Kulturanthropologie und ehemaliger Fellow des Kulturwissenschaftlichen Kollegs Konstanz.

Malte Griesse

PD Dr. Malte Griesse leitet die Forschungsgruppe „Revolten als Kommunikationsereignisse in der Frühen Neuzeit“.

Monika Barget

Monika Barget promoviert in der Forschungsgruppe zu „Glorious Revolution und unnatural rebellion“.

David de Boer

David de Boer promoviert in der Forschungsgruppe zu „Communicating Revolt in the Dutch Republic“.