Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Forschen im emotionalen Krisengebiet

Melanie Brand

Melanie Brand promoviert im Doktorandenkolleg „Europa in der globalisierten Welt“. Patrizia Barbera hat die Ethnologin getroffen.

Wer berät südafrikanische Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden – und wie? Greifen hierbei europäische Institutionen korrektiv in die soziale Wirklichkeit Südafrikas ein? Und: Wie schafft man es, als junge Ethnografin in Beratungseinrichtungen zu forschen, in welchen Gewalterfahrungen von Frauen zum Tagesgeschäft zählen? Melanie Brand, Promotionsstudentin im Doktorandenkolleg „Europa in der globalisierten Welt“, erzählt aus ihrem Forschungsalltag.

„Hast du dich sicher gefühlt?“, ist eine der häufigsten Fragen, die Melanie Brand nach ihrem ersten Forschungsaufenthalt in Südafrika gestellt bekommt. Dabei ist die Frage sowohl auf Südafrika bezogen, als auch ihrem Forschungsthema und den speziellen Umgebungen geschuldet, in die sich die Promotionsstudentin für ihre ethnografische Forschung vorwagt. In Frauenhäusern und Beratungsinstitutionen, die größtenteils in sozial schwachen Bezirken liegen, beobachtet und forscht Brand für ihr Promotionsprojekt „Die Wahrheit der Gewalt. Häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Identitätspolitik im Kontext transkultureller Beratungspraktiken“. Betreut wird das Projekt von Prof. Dr. Thomas Kirsch.

Melanie Brand ist eine von insgesamt sieben Promovierenden, die im Rahmen des im März 2013 neu gestarteten Doktorandenkollegs „Europa in der globalisierten Welt“ ihre Promotion an der Universität Konstanz begonnen haben. Ihr Forschungsprojekt bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Soziologie und Ethnologie.

„Das mit der Sicherheit ist schon nicht immer so einfach“, sagt die Soziologin und lächelt nachdenklich, „aber zum einen finde ich das Thema sehr relevant und hoffe, dass meine Forschung vorher nicht da gewesene Einsichten in dieses komplexe Gebiet liefert, so dass ich die Umstände gern akzeptiere. Zum anderen schwappte mir sowohl in Konstanz als auch vor Ort in Pretoria eine regelrechte Welle von Hilfestellungen und Tipps entgegen. Das ist sehr beruhigend, und so macht auch die Forschung viel Spaß.“

Während der Kolonialzeit übten europäische Mächte aktiv Einfluss auf die Sozialstruktur Südafrikas aus. Im Zentrum des Interesses stand hierbei meist die „Erziehung“ der Frau – welche Rolle hat sie in der Gesellschaft und in der Paarbeziehung einzuhalten, wie sollte sie sich als „gute Christin“ verhalten? Angelehnt an diese Erkenntnisse betrachten postkoloniale Forschungsprojekte nun aktuelle Phänomene der Entwicklungszusammenarbeit.

Brands Projekt steht in dieser Tradition und untersucht, inwiefern die „Umerziehung“ von Frauen auch heute noch im Zentrum der Beratungen steht. Die Gewaltrate ist in Südafrika im Vergleich zu anderen Ländern enorm hoch. Gewalt, erzählt Brand, werde laut einer Umfrage der südafrikanischen Regierung aus dem Jahr 2007 vor allem von jungen Männern als legitimes Mittel betrachtet, sich Respekt zu verschaffen – auch in der Paarbeziehung.

Cooperation between the European Union and South Africa
Joint Country Strategy Paper, 2007–2013

„Einer der zentralen Texte für mich jetzt am Anfang des Projektes ist das so genannte Joint Country Strategy Paper, das die Entwicklungszusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und Südafrika regeln soll. Gender ist hier als wichtiges Querschnittsthema genannt, wobei bei näherer Betrachtung Gender immer als Women Empowerment auftaucht, was sich in der Beratungspraxis durch sozialisierende Maßnahmen wie Life Skills Trainings widerspiegelt“, erzählt die junge Forscherin und ergänzt:

„Spannend sind für mich die in Beratungssituationen aufkommenden Diskurse zwischen Beraterinnen und ihren Klientinnen. Welche Wertvorstellungen werden vermittelt, welches Bild von Weiblichkeit und Maskulinität wird zugrunde gelegt und wie werden gegebenenfalls europäische Denkmuster als Maßstab verwendet und weitergegeben?“

Die Doktorandin vergleicht durch teilnehmende Beobachtung, semi-strukturierte Interviews und eine Analyse von Materialien, wie national zirkulierende Diskurse wie beispielsweise über Menschenrechte in den verschiedenen Institutionen verwendet werden und wie europäische Akteure gegebenenfalls auf Geschlechterverhältnisse einwirken.

Zwei jeweils sechsmonatige Aufenthalte in Pretoria sind für die Feldforschung eingeplant. Von März bis April 2013 reiste Melanie Brand für einen ersten kurzen Forschungsaufenthalt erstmals in die südafrikanische Hauptstadt, um sich vor Ort einen Eindruck über die existierenden Strukturen zu verschaffen, und kehrte mit vielen Eindrücken und neuen Ideen zurück.

„In den Beratungsangeboten, die ich vor Ort kennen gelernt habe, wurde viel Wert darauf gelegt, Frauen durch Beratung und gezieltes Empowerment wieder ‚ganz‘ zu machen. Spannend war auch, dass der Fokus stets auf jeweils dem Mann als Täter, der resozialisiert werden soll, oder der Frau als Opfer beziehungsweise ‚Überlebenden‘, die gestärkt werden muss, liegt. Interessant wäre nun herauszufinden, inwieweit die Beziehung als solche Gegenstand der Beratung wird und ob auch gesamtgesellschaftliche Strukturen thematisiert und in Verbindung mit häuslicher Gewalt betrachtet werden“, sagt Brand.

Im Doktorandenkolleg „Europa in der globalisierten Welt“ forschen seit dem Frühjahr 2013 sieben Promovierende und zwei Postdocs aus der Geschichts-, Literatur-, Sozial- und Rechtswissenschaft sowie der Anthropologie und der Soziologie.

Die Doktorandin kann während ihrer Promotion auf ein breites Kompetenznetzwerk zurückgreifen, das im Zuge des Studienganges „Kulturelle Grundlagen Europas“, an den sich das neue Doktorandenkolleg programmatisch anlehnt, ausgebaut wurde. Sowohl der Studiengang als auch das neue Doktorandenkolleg sind Teil des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz.

„Die Einbindung in das Doktorandenkolleg und unser wöchentliches Kolloquium sind auch arbeitsintensiv, aber dadurch, dass wir alle fachlich aus verschiedenen Richtungen kommen, sind die Diskussionen sehr vielseitig, und wir hinterfragen und diskutieren Dinge, die im eigenen Kontext nicht hinterfragt würden. So bekomme ich neue Perspektiven und nehme viel mit – an Erfahrungsaustausch, Tipps und auch Inspiration.“

Patrizia Barbera ist Mitarbeiterin der Pressestelle der Universität Konstanz. Der vorliegende Beitrag ist zuerst in uni‘kon 51/2013 erschienen.