Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Rege Kontakte, instrumentalisierte Konflikte

Juden und Christen in den mittelalterlichen Städten am Bodensee

Gespräch mit Dorothea Weltecke über die mittelalterliche Integration einer religiösen Minderheit am Bodensee

Dorothea Weltecke, Mittelalterhistorikerin und Expertin für die Geschichte der Religionen, hegte seit langem einen Plan: im „Jahr der Religionen“ der Konstanzer Konzilsfeierlichkeiten, 2017, den Juden im mittelalterlichen Konstanz eine Ausstellung zu widmen. Im April 2017 eröffnet die Sonderausstellung „Zu Gast bei Juden. Leben in der mittelalterlichen Stadt“ im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg.

Dorothea Weltecke im Interview
Prof. Dr. Dorothea Weltecke im Interview

Wie viel wissen wir heute über das jüdische Leben im mittelalterlichen Konstanz?

Über Juden in Städten wie Speyer, Worms und Mainz oder auch zu Wien im Mittelalter ist sehr viel geforscht worden. Dagegen weiß man über Konstanz und die Städte im Bodenseeraum vergleichsweise wenig. Abgesehen von den Arbeiten von Karl Heinz Burmeister und einigen Regionalforschern, die in den letzten 100 bis 200 Jahren immer mal wieder zu Juden arbeiteten, gab es bislang keine Spezialisten, die sich dafür verantwortlich fühlten.

In Konstanz lebten erst seit dem 13. Jahrhundert Juden. Ob man Parallelen zu den sehr alten jüdischen Siedlungen in Deutschland, wie eben den rheinischen Städten oder Magdeburg und Erfurt, ziehen kann, weiß man auch erst, wenn man die Strukturen der jüdischen Ansiedlung in Konstanz kennt. Darüber schreibt Mareike Hartmann, meine Doktorandin im Exzellenzcluster, ihre Dissertation.

In welchen Städten rund um den Bodensee gab es jüdische Siedlungen?

Praktisch alle größeren Städte am Bodensee hatten eine jüdische Siedlung. Zentren waren tatsächlich Konstanz sowie Überlingen mit dem zentralen Friedhof und im späten Mittelalter vermutlich auch Schaffhausen, wo es eine Jeschiwa, also eine Talmud-Schule, gab. Wichtige jüdische Gemeinden in der weiteren Region waren Zürich und Ulm.

Wie können wir uns den Alltag der Juden in einer mittelalterlichen Stadt am Bodensee vorstellen?

Die Konstanzer Juden wohnten – wie übrigens in den meisten anderen Städten am Bodensee auch – mitten in der Stadt, was mich anfangs doch sehr überrascht hat. Sie lebten in den marktführenden Straßen der ‚Neustadt’, beispielsweise in der Münzgasse oder der Rosgartenstraße. Dort befanden sich auch eine Synagoge und eine Mikwe, also ein rituelles Bad. Tür an Tür wohnten sie mit christlichen Konstanzer Bürgern, die von ihren jüdischen Nachbarn gewusst haben mussten. Ulrich von Richental schreibt beispielsweise an einer Stelle: „Sie sahen aus wie an ihrem langen Tag.“ Er wusste also, wie die Juden an Jom Kippur gekleidet sind.

Wie viel hatten die christlichen und jüdischen Konstanzer miteinander zu tun?

Die Interaktion war dicht, wirtschaftlich gar symbiotisch. Man könnte von Arbeitsteilung sprechen, zumal sich die Juden in den Städten vor allem deshalb niederlassen durften, um zu handeln und insbesondere mit Geld zu handeln. Ihrerseits haben sie bei christlichen Handwerkern Dinge nachgefragt, die für ihre Belange wichtig waren. Im Alltag kamen Juden und Christen ständig miteinander in Berührung, bei allem, was sie kaufen oder verkaufen wollten. Juden hatten dasselbe Interesse an feiner Kleidung – die mussten sie irgendwo kaufen oder sich schneidern lassen. Der Steinmetz stellte die Grabsteine für die Christen wie für die Juden her. Man feierte und spielte miteinander und war letztlich überall vernetzt, weshalb die soziale Separation nicht funktioniert hat.

Gab es denn Ansätze zur Trennung?

Wappen. Detail einer jüdischen Wandmalerei
Wappen der Grafen von Helfenstein beschriftet mit hebräischen Buchstaben. Detail einer jüdischen Wandmalerei, Brunngasse 8 in Zürich (Abbildungsnachweis: Büro für Archäologie der Stadt Zürich)

Sowohl die christlichen als auch die jüdischen Obrigkeiten hätten eine soziale Trennung gerne gesehen. Aber das lässt sich nicht aufrechterhalten, wenn man wirtschaftlich miteinander zu tun hat. Beispiele aus der Kunst zeigen, dass man gemeinsam an der gotischen Kultur teilhatte, die also ein jüdisches und ein christliches Gesicht hatte.

In einem Zürcher Haus gibt es Reste eines Freskos, das mittelhochdeutsche Lieder darstellt. Oben befindet sich ein Wappenfries mit Wappen der Großen aus der Region, unter denen sich Hinweise auf hebräisch für den also wohl hebräisch lesenden Maler finden. Also hat auch ein Jude das Fresko in Auftrag gegeben.

Es gab freilich auch komplett segregiert Bereiche – Schule, Ausbildung, gerade religiöse Ausbildung, also Dinge, die für die Gemeinde selbst getan werden mussten. Dazu gehörte eben das Schreiben der Thora-Rollen oder der Schulunterricht für die Jungen. Die jüdischen Jungen lernten Hebräisch und die christlichen Jungen lernten Latein.

Feierlichkeiten waren doch sicher großenteils auch religiöser Art?

Dennoch waren bei jüdischen Hochzeiten typischerweise auch die christlichen Geschäftspartner eingeladen und haben mitgetanzt. Das Tanzen wurde aktenkundig, wenn Christen das an Tagen machten, an denen sie das nicht hätten tun sollen, z.B. an Fastentagen wie den Freitagen. Miteinander zu feiern war zwar nicht an sich verboten, aber an solchen Tagen sollten die Christen das eben überhaupt nicht tun.

Dieses gemeinsame Feiern hat mich in der Tat verblüfft. In Ravensburg musste ein Chorherr sich dafür verantworten, dass er ausgerechnet an Weihnachten bei den Karmelitern mit Juden Karten gespielt hatte. Wenn es nicht Weihnachten gewesen wäre, wäre vermutlich gar nichts passiert.

Insgesamt hört sich das nach einem recht harmonischen Zusammenleben an. Wann kam es zu Konflikten?

Christen und Juden an einem Tisch. Illustration aus einer mittelalterlichen jüdischen Handschrift
Detail aus der Darmstädter Haggadah Cod. Or.8 Fol.37v (Abbildungsnachweis: Landes- und Universitätsbibliothek Darmstadt)

Bei vielen Konfliktfällen handelte es sich um nachbarschaftlichen Streit, der auch zwischen Christen vorkam und fürchterlich eskalieren konnte, wenn man dann den Po aus dem Fenster heraushielt und sich wüst beschimpfte. Oftmals unterschieden sich Konflikte unter Christen und solche zwischen Christen und Juden nicht.

Jedoch war es für Juden gefährlicher, wenn eine verbale Auseinandersetzung zu einem handfesten Streit eskalierte und daraus eine Machtsache gemacht wurde. Das konnte für Juden übel ausgehen. In Zürich fragte einmal eine Christin eine Jüdin, ob sie auch Messe feiere, woraufhin die Jüdin sinngemäß erwiderte „Pfff, so einen Quatsch machen wir nicht!“ Der Streit artete aus und wurde vom Rat der Stadt untersucht, wo eine Blasphemie-Beschuldigung drohte.

Aus Gerd Schwerhoffs Forschungen wissen wir, dass Blasphemie-Verurteilungen immer auch etwas mit sozialer Ausgrenzung zu tun hatten: Wenn der Ratsherr beim Weintrinken flucht, ist das nicht so schlimm, wie wenn der Ochsenknecht es tut oder eben der Jude in einem Konfliktfall.

Wie war die rechtliche Stellung der Juden in den Städten?

Der sogenannte Judenschutz oblag seit dem 13. Jahrhundert dem Kaiser oder dem König durch die sogenannte Kammerknechtschaft der Juden, die Friedrich II. eingeführt hat und ursprünglich den Schutz zentralisieren sollte. In Folge haben die Könige, die oft aus finanziellen Gründen Rechte verpfändeten, dies auch mit dem Judenschutz getan und ihn beispielsweise an die Städte verkauft.

Weil jede Institution hauptsächlich an den damit verbundenen Abgaben etwas verdienen wollte, wurde im späten Mittelalter der Schutz ausgehöhlt. Das Bürgerrecht, welches Juden auch hatten, wurde ihnen nur noch auf eine bestimmte Zeit verliehen.

Überall in den deutschen Landen verloren die jüdischen Gemeinden im Spätmittelalter viel von ihrer Autonomie, weil die Stadträte sich in deren interne Angelegenheiten einmischten und damit auch die jüdischen Autoritäten destabilisierten. Auch die Partizipationsrechte der christlichen Bürger gingen übrigens im Laufe des Spätmittelalters zurück.

Wann verschlechterte sich die Situation der jüdischen Stadtbevölkerung?

Seit Beginn des 14. Jahrhunderts kam es wiederholt zu Verfolgungen, manche regional, manche in fast allen Städten am Bodensee nacheinander. 1348 fanden die schweren Pestpogrome statt, die zur Auslöschung aller jüdischen Gemeinden am Bodensee führten, die sich in Folge neu sammeln mussten. Danach verschlechterte sich die Lage der Juden definitiv und ihre Rechtssituation wurde prekärer.

Nahmen Juden dies nicht zum Anlass abzuwandern?

Genau das geschah vermutlich nicht, was angesichts der Verfolgungen im späten Mittelalter auffällig ist. Meiner Meinung nach liegt das auch daran, dass es hier in der Gegend alle möglichen Zwistigkeiten gab, Kämpfe zwischen rivalisierenden Anwärtern auf die deutsche Krone mit ihren Heeren, zwischen Städten und auch innerhalb der Städte zwischen den Großen und den Handwerkern. Als Zeitgenosse musste man nicht den Eindruck gewinnen, einer geschlossenen christlichen Gesellschaft gegenüberzustehen, sondern eher, Teil eines insgesamt uneinheitlichen Gebildes unterschiedlicher Gruppen zu sein.

Was löste die endgültige Vertreibung im Jahr 1450 aus?

Dazu gibt es in der Forschung unterschiedliche Meinungen. Die Konzile von Konstanz und Basel haben sicher dazu beigetragen. Das Streben der christlichen Reformer schloss mit ein, über die Abgrenzung von den Juden die eigene Position zu stärken. Dann wurde es zu einer guten christlichen Tat, Juden aus der Stadt zu werfen. Vor allem die Bettelorden agierten durch ihre lang anhaltenden propagandistischen Aktivitäten auf Kosten anderer Gruppen: auf Kosten von Häretikern, auf Kosten von nicht so frommen Leuten und auf Kosten von Juden.

Zudem ist ein Argument von Markus Wenninger nicht ganz von der Hand zu weisen, das er in den 1980er-Jahren in seiner Dissertation „Man bedarf der Juden nicht mehr“ ausführte: Inzwischen waren die Finanzkonstruktionen verändert und die Juden nur noch so wenig daran beteiligt, dass man sie nicht mehr brauchte. Schon beim Konstanzer Konzil standen die wenigen jüdischen Geldhändler einer Vielzahl italienischer Bankiers gegenüber, die für die großen Kardinäle Geschäfte machten, während die Juden nur noch kleinere Darlehen verliehen.

Hat die Vertreibung die jüdische Materialkultur ausgelöscht?

Als die Juden um 1450 aus den Städten im Reich vertrieben wurden, wurde ihr Erbe bewusst und systematisch zerstört. Von der religiösen Materialkultur in der Bodenseeregion ist gar nichts mehr übrig, keine einzige Menorah, keine einzige Talmud-Rolle, sodass man den Eindruck bekommt, eine mittelalterliche Stadt hier sei eine rein christliche Stadt.

Das einzige, was uns noch vorliegt, sind sechs sehr intensiv bebilderte Prachthandschriften, in denen manchmal auch Gegenstände auftauchen. Außerdem wird ein kleines, handliches Buch aus dem 14. Jahrhundert, der sogenannte Zürcher Semak, der die jüdischen Gebote und Verbote erläutert, gerade erforscht. Es gibt noch einige Urkunden mit jüdischen Rückvermerken, einige Siegel mit hebräischen Buchstaben und christliche Akten aus der städtischen Administration, die Streitfälle enthalten. Doch insgesamt ist es zum Verzweifeln wenig und meist nicht aus jüdischer Perspektive, die mir in der Ausstellung „Zu Gast bei Juden“ so wichtig ist.

Die Initiative zu der Konstanzer Sonderausstellung „Zu Gast bei Juden. Leben in der mittelalterlichen Stadt“ kam von Ihnen.

Als Professorin für die Geschichte der Religionen hier in Konstanz habe ich es als meine Aufgabe betrachtet, in die Konzilsfeierlichkeiten einzubringen, dass das Leben im Mittelalter nicht monoreligiös christlich gewesen ist. Außerdem wollte ich die Nicht-Christen dieser Stadt in dieses Fest miteinbeziehen. Ich freue mich sehr, dass ich meine Idee dank der Kooperation mit dem Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg und dem Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ verwirklichen kann.

Dorothea Weltecke war bis März 2017 Professorin für die Geschichte der Religionen im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen der Integration“ der Universität Konstanz. Seither lehrt sie als Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt (M.).

cmv, jkr

Die Ausstellung

Veranstaltungsplakat

Zu Gast bei Juden
Leben in der mittelalterlichen Stadt

Sonderausstellung des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg (ALM) in Konstanz

8. April–29. Oktober 2017

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Katalog zur Ausstellung: Dorothea Weltecke (Hrsg.) unter Mitarbeit von Mareike Hartmann: Zu Gast bei Juden. Leben in der mittelalterlichen Stadt. Begleitband zur Ausstellung. Konstanz: Stadler 2017
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Israel ben Meir: Pessach-Haggada (Darmstädter Haggadah)
Heidelberg, ca. 1430
zum Retrodigitalisat

Dölf Wild und Roland Böhmer: Die spätmittelalterlichen Wandmalereien im Haus „Zum Brunnenhof“ in Zürich und ihre jüdischen Auftraggeber.
Separatdruck aus dem Bericht „Zürcher Denkmalpflege“, Stadt Zürich, 1995/96
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Themen Thesen Texte

Cover

Dieser Beitrag erschien zuerst im Clustermagazin „Themen Thesen Texte“ 6/2017.

Das Heft erhalten Sie kostenlos bei claudia.voigtmann[at]uni-konstanz.de (solange der Vorrat reicht) oder als E-Book zum Download.

Inhalt

Die Großzügigkeit der kanadischen und deutschen Asylsysteme: eine Mär?
Lorenz Neuberger

An der Grenze der Legalität
Arbeitsmigration in Russland heute
Madeleine Reeves

„Bürgerengagement muss manchmal ungemütlich sein“
Interview mit Larissa Fleischmann

Rege Kontakte, instrumentalisierte Konflikte
Juden und Christen in den mittelalterlichen Städten am Bodensee
Interview mit Dorothea Weltecke

Zwischen Toleranz und Vertreibung
Folgen religiöser Ambiguität im Spätmittelalter
Benjamin Scheller

Welche Vergangenheit für welche Zukunft?
Das umstrittene kulturelle Erbe Myanmars
Felix Girke

Eichen in Südafrika
Wie deutsch-südafrikanische Identität gemacht wird
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Der Mensch im algorithmischen Zeitalter
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Interview mit Kerstin Schembera und Sophia Timmermann