Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Öffentlichkeit und Repräsentation

Schwerpunkt des akademischen Jahres 2017/2018

In das Kulturwissenschaftliche Kolleg soll eine Gruppe Fellows eingeladen werden, die sich mit dem Verhältnis von Öffentlichkeit und Repräsentation beschäftigen. Die Aufmerksamkeit der Fellows wird sich dabei insbesondere jenen politischen und sozialen Konsequenzen widmen, die sich im Gefolge veränderter medialer Infrastrukturen und forcierter globaler Transformationserfahrungen in den Prozessen gesellschaftlicher Selbstverständigung abzeichnen. Die Arbeit an damit korrespondierenden Fragestellungen kann die Voraussetzungen dafür schaffen, dass am Kulturwissenschaftlichen Kolleg die Grundlagen einer theoretischen Fundierung dieser Prozesse entwickelt werden.

Die begriffliche Kombination von ‚Öffentlichkeit und Repräsentation‘ setzt zwei ebenso wesentliche wie problematische Dimensionen zeitgenössischer Selbstverständigungsprozesse ins Verhältnis, deren Korrelation einer neuen Klärung bedarf, um verstehen zu können, warum sich die Grammatik unserer Kultur in ihren Grundzügen verändert: Ob von ‚zerstreuten‘, ‚fragmentierten‘, ‚neuen‘ oder zunehmend voneinander ‚isolierten‘ Öffentlichkeiten  die Rede geht – in jedem Fall stimmen die Befunde darin überein, dass Medien, Formen und Gegenstände gesellschaftlicher Kommunikation einem beschleunigten Wandel unterliegen, der naturgemäß auch die Möglichkeiten und das Spektrum politischer Repräsentationen berührt.

Unabhängig von den zahllosen Deutungen und Prognosen, die diese Veränderungen in jüngster Zeit hervorgerufen haben, lässt sich konstatieren, dass sich in den Phänomenen selbst neue Problemkonstellationen und veränderte Abhängigkeiten abzeichnen, die es zunächst zu erfassen gilt. Denn mit den kulturellen Selbstverständigungsprozessen von Gesellschaften betrifft der beschleunigte Wandel in einer grundsätzlicheren Perspektive auch die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen sich verbindliche Kommunikation in unserer Gegenwart organisiert.

1. Das Digitale – Modifikation kommunikativer Formen

In idealtypischer Zuspitzung lässt sich formulieren, dass die zunehmende Ungewissheit in der Frage nach Reichweiten, Ressourcen und Ansprüchen öffentlicher Verlautbarungen von drei einander zum Teil verstärkenden, zum Teil aber auch einander ausschließenden Tendenzen unter Druck gesetzt wird: Zum einen führen, erstens, Taktung, Gestaltung und Synchronisation digitaler Informationskulturen zur Modifikation kommunikativer Formen.

Das Erfordernis von Gegenwärtigkeit und Unmittelbarkeit scheint Entwicklung, Dauer und Anspruch repräsentativer Verlautbarungen zumal in demokratischen Gesellschaften durch die kontinuierliche Aktualisierung von Deutungsmustern, die Gleichzeitigkeit des Kommentars und die Minimierung der Zeitfenster möglicher Reaktionsweisen zu konterkarieren; es hintertreibt die Berücksichtigung historischer Tiefenschärfen und lokaler Bedingungen. Zum anderen liegt, zweitens, das Versprechen der permanenten Dokumentation individuellen Handelns in den ‚sozialen Medien‘ gerade darin, einen unverstellten Blick auf die Gesellschaft und ihre Kommunikation zu gestatten und daraus Operationalisierungen gewinnen zu können, die sich von den Machthierarchien, Fürsprachebeziehungen und Stellvertreterverhältnissen repräsentativer Ordnungen emanzipieren (Brown/Marsden 2013).

2. Flexibilisierung operationaler Verfahren

Die Flexibilisierung operationaler Verfahren zur Mobilisierung kollektiver Meinungsbilder führt zu einem neuen Ideal der organischen Anpassung. Sie lässt die Übertragungsverluste verzichtbar erscheinen, die innerhalb jener Informationsketten und Übersetzungsprozesse auftreten, auf die sich repräsentative Ansprüche in demokratischen Gesellschaften berufen. Generierung und Begründung von Handlungsempfehlungen und Entscheidungsgründen stützen sich stattdessen auf die statistische Auswertung permanenter Datenströme (Floridi 2015).

Deren Aussagekraft wird durch die immer höhere Dichte von Indikatoren und die selbständigen Anpassungsleistungen algorithmisierter Ausleseverfahren garantiert; sie rekurriert mithin auf mathematische Kompetenzen (kritisch dazu: Rottenburg/Merry/Park/Mugler 2015). Politische Repräsentation im klassischen Sinn muss gegenüber der universellen Rationalität quantifizierter Entscheidungsprozesse ebenso verdächtig wie parteilich wirken (Porter 1995); die repräsentative Öffentlichkeit als Ort der delegierten Aushandlung politischer Orientierungen büßt durch sie ihre Legitimation ein. Das Paradigma der Digitalität und die Wiederkehr evolutionärer Argumente in der Deutung historischer, politischer und sozialer Problemzusammenhänge scheinen also auf eine noch näher und genauer zu bestimmende Weise miteinander zu korrespondieren.

3. Aktualisierung populistischer Repräsentationsmuster

Schließlich hängt damit, drittens, die Aktualisierung populistischer Repräsentationsmuster zusammen. Populistische Strömungen setzen auf Unmittelbarkeit und Anwesenheit; sie organisieren sich in zunehmend abgeschotteten Foren des Einverständnisses und der wechselseitigen Bestätigung in den ‚sozialen Medien‘ und propagieren Formen der direkten Demokratie, die Politik als Umsetzung jener moralischen Annahmen und Überzeugungen begreift, die das Einverständnis in den Foren fundieren.

Angesichts dessen scheint es an der Zeit, die Veränderungen, die das Verhältnis von ‚Öffentlichkeit und Repräsentation‘ gegenwärtig erfährt, genauer zu bestimmen. Eine solche Bestimmung schließt den Standort kulturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektiven auf die Gesellschaft ein: Sie hat nicht nur die Verschiebung der Koordinaten zu berücksichtigen, auf die die Rechtfertigung öffentlicher Ansprüche zumal im Feld der Politik jeweils rekurriert, sondern auch die Historisierung der Voraussetzungen und Bedingungen zu beachten, unter denen das Bild, das sie von der Gesellschaft entwirft, plausible Anschlüsse gestattet.

Die Bestimmung des Verhältnisses von ‚Öffentlichkeit und Repräsentation‘ muss, mit anderen Worten, Ort und Möglichkeiten der Humanities in ihr Kalkül einbeziehen. Insofern wird die Aufgabe zunächst darin bestehen, anhand des Verhältnisses von ‚Öffentlichkeit und Repräsentation‘ die genaue Korrelation jener sozialen, institutionellen und medialen Parameter zu erarbeiten, die die neue Grammatik unserer Kultur bilden.

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