Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Diskussionsmuster durchbrechen, unerwartbar reagieren

Ein Veranstaltungsbericht von Karin Stork

Seit einigen Jahren erfahren europäische Länder wie Deutschland, Polen oder Ungarn immer wieder politische Rechtsrucke. Mit Rechten zu reden sei heute unumgänglich, gerade seitdem die AfD in den Bundestag eingezogen sei, betonte Politikwissenschaftler Philip Manow, der als wissenschaftlicher Kommentator an der vom Exzellenzcluster organisierten Diskussionsveranstaltung „Mit Rechten reden“ teilnahm. Doch wie gehe ich mit einem Gesprächspartner um, der sich den Regeln der Argumentation entzieht? Diese und weitere Fragen versuchten Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn – die drei Autoren des umstrittenen Buches „Mit Rechten reden. Ein Leitfaden“ – am 15. Mai 2018 in der Universität Konstanz zu beantworten.

Philip Manow
Philip Manow
Studierende und Konstanzer Bürger/innen bei der Diskussion
Studierende und Konstanzer Bürger/innen bei der Diskussion
Daniel-Pascal Zorn, Per Leo, Maximilian Steinbeis
Die Autoren von „Mit Rechten reden“: Daniel-Pascal Zorn, Per Leo, Maximilian Steinbeis (von links)

Rechtswissenschaftler Daniel Thym, der die Veranstaltung moderierte, erzählte eingangs von einer Erfahrung, die er selbst mit Thilo Sarrazin wenige Wochen zuvor gemacht hatte. Im Tagesspiegel hatte Thym auf die „Erklärung 2018“ reagiert, die Veränderungen in der Migrationspolitik und stärkere Grenzkontrollen beziehungsweise -schließungen fordert. Die „Erklärung 2018“ wirft der Bundesregierung einen Rechtsbruch in der Flüchtlingsfrage vor. Sarrazin hatte die Erklärung unterzeichnet und reagierte wiederum auf den Artikel Thyms „Wider den Mythos des Rechtsbruchs“. So fand im Internet auf unterschiedlichen Foren und in Blogs ein argumentativer Schlagabtausch zwischen den beiden statt. Und wer letztlich die Oberhand behielt, ist eine Frage der Interpretation. Thym berichtete, dass er viel Zuspruch von seinen Lesern bekommen habe. „Offensichtlich gibt es Menschen, die mit ihren Sorgen und Problemen abgeholt werden möchten, ohne ihre Meinung nach außen hin zu vertreten“, so Thym. Solche öffentlichen Diskussionen helfen vor allem auch diesen Menschen, sagte er.

Die Leserschaft spielt auch für Autor Per Leo und sein Buch eine entscheidende Rolle. Es solle provozieren und Diskussionen hervorrufen. Als Beispiel für eine misslungene Diskussion nannte er einen AfD-Politiker, der „Mit Rechten reden“ auf Facebook kritisiert hatte, ohne das Buch je gelesen zu haben. Auch in rechten Foren im Internet habe der Titel – teilweise schon vor seiner Veröffentlichung – für Spott gesorgt. Leo wies darauf hin, dass es ein literarisches sowie ein performatives Buch sei und auch als solches gelesen werden muss, um korrekt interpretiert werden zu können. 

In seinem Kommentar über „Mit Rechten reden“ kritisierte Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke die stillschweigende Voraussetzung einer „intellektuellen Lufthoheit“ auf der dieser Leitfaden basiere. „Wir leben in Deutschland diesbezüglich in wattierten Verhältnissen“, erklärte Koschorke. Er bezweifelte, ob Linksliberale in Ländern wie Ungarn, Polen oder der Türkei auch gemäß dem Leitfaden mit Rechten kommunizieren könnten. „In Deutschland befinden wir uns viel weniger in der Defensive, als in diesen Ländern“, fügte Koschorke hinzu. Autor Daniel-Pascal Zorn erwiderte, dass der Leitfaden nur für Deutschland gelte und keinen Anspruch auf Vollständigkeit habe.

Laut Koschorke verläuft die politische Radikalisierung asymmetrisch: „Es gibt eine stärkere Polarisierung von rechts als von links.“ Die Linken setzten auf ein agonistisches Diskussionsverhalten mit Spielregeln, während rechte Strömungen mit antagonistischen Modellen arbeiteten. Durch diese Asymmetrie würden argumentative Diskussionen erschwert, etwa wenn ein ‚rechter’ Diskussionspartner sich nicht an die von links aufgestellten Spielregeln hält. Koschorke schloss mit der Frage an die Autoren: „Wie funktioniert rechter Antikapitalismus? Und handelt es sich dabei nur um eine Geste?“ Eine Antwort auf diese Frage könne, so Koschorke, dabei helfen, den Rechten Herr zu werden.

Manow griff Koschorkes Einwände in seinem Statement auf: Wenn der Status quo der Gesellschaft linksliberal sei, dann könnten nur die anderen, also die Rechten, ausbrechen wollen und sich radikalisieren. Er kritisierte an dem Buch „Mit Rechten reden“, dass die politische Öffentlichkeit nicht genau so funktioniere wie ein Gespräch zwischen zwei Personen. Ein derartiger Vergleich einer Mikro- mit einer Makrosituation sei naiv, so Manow. „Ist die Rechte essenziell auf die Linke angewiesen? Oder ist es heute genau anders herum?“, fragte Manow in die Runde. Derzeit gewönnen die Rechten an Stimmen, erklärte er, sodass die Rechtspopulisten die Sozialdemokratie immer mehr ersetzten.

Manows Lektüre des Buchs hat bei ihm den Eindruck hinterlassen, dass es einerseits aufzulisten versuche, wer oder was rechts ist. Andererseits werde aber davon abgesehen, die Zuordnung „rechts“ klar zu definieren. „Rechts“ sei laut Buch eine bestimmte Art zu reden. Jedoch, so Manow, könne man nicht generell davon ausgehen, dass die linke Rede widerspruchsfrei und die rechte Rede voller Widersprüche sei. Er schlug vor, „rechts“ und „links“ eher relational zu definieren, sodass „rechts“ zu „nicht-links“ werde und „links“ zu „nicht-rechts“. Außerdem wies Manow darauf hin, dass diese politischen Zuordnungen je nach Zeit und Land variierten. „Was heute in Deutschland als links gilt, muss nicht auch in England als links gelten“, sagte er.

Die Kritiken der beiden Wissenschaftler wiesen die drei Autoren größtenteils zurück. Per Leo entgegnete, dass ihnen oft unterstellt werde, das Buch sei ein Leitfaden, um die Rechten zu schwächen. Laut Leo sei „Mit Rechten reden“ vielmehr eine Beschreibung eines sprachlichen Verhaltens. Mit dem Buch wollten die Autoren dazu beitragen, ein Muster zu durchbrechen, nach dem Gespräche mit Rechten abliefen. „Durch den Vollzug von Argumenten können wir zeigen, dass wir mehr haben als plumpe Empörung und Etiketten – nämlich die besseren Argumente.“ 

Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel Thym
Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel Thym auf dem Podium

Nun war das Publikum an der Reihe: „Wie gehe ich mit einem Gegner um, der sich den Spielregeln der Argumentation entzieht?“, fragte eine junge Frau. Gegner, die sich zu sehr in die Ecke gedrängt fühlten, liefen Gefahr, sich dann noch stärker zu radikalisieren. Außerdem seien oft die einfachen Argumente für die breite Masse besser zugänglich als die „besseren“, die vielleicht weniger allgemein verständlich seien. Autor Zorn riet ihr: „Fragen Sie mehr nach.“ Da die rechte Rede eine setzende Rede sei, könne man durch Fragen nach Gründen den Gesprächspartner zur Beweislast und so in eine Diskussion führen. Zudem wollte Per Leo seine „besseren“ Argumente so verstanden haben, dass vielstimmig argumentiert werden solle. „Akademiker haben eine sehr selbstbewusste Fiktion der Richtigkeit der eigenen Person“, sagte er mit einem spitzbübischen Grinsen. Wichtig für das Reden mit Rechten sei auch, nicht auf den Sieg einer Diskussion zu zielen. Stattdessen wäre viel gewonnen, wenn nicht immer auf erwartbare Weise auf Rechte reagiert werde, so Leo.