Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Neues aus der Faschismusforschung

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zeichnet der Historiker Sven Reichardt neuere Entwicklungen der Faschismusforschung nach und zeigt vielversprechende Perspektiven auf.
Reichardts Dissertation über „Faschistische Kampfbünde“ gilt als Standardwerk. Das Buch war 2002 „bestes historisches Buch“ und wurde 2009 ins Italienische übersetzt.

us-amerikanisches Propagandaposter vor dem Sieg über Japan im 2. Weltkrieg
Illustration: Adam Szyk, US War Department Pamphlet No. 21-31, 28. April 1945. Einige Rechte vorbehalten

Von intellektuellen Zirkeln zum entgrenzten Genozid

Seit den 1920er Jahre wird der Faschismus wissenschaftlich untersucht – ein Phänomen, das die Welt in kurzer Zeit in den Abgrund stürzen sollte. Nun, fast einhundert Jahre und etliche Wendungen später, beschreitet die Faschismusforschung wieder neue Wege.

Eine wesentliche Chance der neueren Forschungszugänge sieht Sven Reichardt darin, den prozessualen Charakters des Faschismus genauer zu betrachten. Er schlägt die Einteilung in sieben Entwicklungsstadien vor, die den Prozess von „kleinen intellektuellen Zirkeln“ hin zur „totalen Entgrenzung genozidaler Politik“ besser sichtbar machen sollen. Damit ließen sich auch die unterschiedlichen faschistischen Bewegungen genauer vergleichen als mit früheren Modellen.

Wichtig ist dem Historiker, dass eine solche Prozessualisierung die Basis für neue Interpretationen liefert – das sei mit der lange vorherrschenden Betrachtungsweise vom Faschismus als statisches Phänomen mit bestimmten Merkmalen kaum möglich gewesen. Reichardt nennt als wichtige Entwicklungsmarke den fascist warfare der imperialen Politik Italiens, Deutschlands und Japans, die als latecomer den Imperialismus des 19. Jahrhunderts radikalisierten, indem sie dessen Hierarchiedenken durch Vernichtungspolitiken übersteigerten.

Globale Verflechtungen im Blick

Auch in einem zweiten Trend sieht Sven Reichardt Potenzial für neue Erkenntnisse: In den letzten Jahren seien vermehrt globalgeschichtlich ausgerichtete Publikationen erschienen. Die jüngere Forschung nimmt häufiger die transnationalen Verflechtungen faschistischer Regime in den Blick.

Anfangs hatten zeitgenössische Wissenschaftler den Faschismus als „Resultat und Endstufe des Kapitalismus“ untersucht, später wurde er unter das Brennglas der Totalitarismustheorie gestellt, bevor man seit den 1990ern vornehmlich die faschistische Ideologie und Kultur erforschte.

„Vielleicht können wir den Anfang einer neuen Welle der Forschung beobachten, die versucht, die globalgeschichtliche Perspektivierungen auf den Faschismus zu übertragen. So geraten Verflechtungsperspektiven, transnationale Geschichte sowie unterschiedliche gegenseitige Beeinflussungen und Konkurrenzverhältnisse der Regime in den Fokus“, sagt der Historiker.

Was bringt es?

Welchen wissenschaftlichen Mehrwert liefern aber diese neuen Ansätze? Es weite sich die Perspektive, so Reichardt:

„Dann erkennt man, dass es sich hier nicht nur um [das nationalsozialistische] Deutschland allein handelt, sondern um ein Imperium, das sich mit sehr vielen anderen Staaten organisieren muss.“

Reichardt verdeutlicht dies am Beispiel der NS-Siedlungspolitik. Im Zuge der Planungen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg lernten die NS-Akteure früh von Italien und Japan, wie sie den erwarteten Siedlungsraum im Osten Europas gestalten könnten. Mussolinis Regime hatte es in Libyen und zum Teil auch in Abessinien (heute Äthiopien) schon Mitte der 1930er Jahre vorgemacht: rassengetrennte neue Städte, ein massiver Ausbau von Wirtschaft und Infrastruktur zur Versorgung der italienischen Siedler, daneben die Einrichtung von Konzentrationslagern. Ähnliches galt für Japans Besetzungspraxis im 1932 eroberten Mandschukuo.

In dieser Betrachtungsweise eröffneten sich neue Interpretationsspielräume für die Forschung. Wolle man Gesellschaftsgeschichte schreiben, sei ein transnationaler, globaler Horizont unerlässlich.

Methodische Hürden für derartige Forschung gibt es allerdings auch: Richtet man den praxeologischen Blick zum Beispiel auf den informellen Austausch zwischen den Akteuren, müsse man die archivalischen Spuren, die nationalstaatliche Institutionen hinterlassen haben, quer zueinander in mehreren Ländern lesen. Außerdem müsse man neben den weit verbreiteten europäischen Sprachen unterschiedliche außereuropäische Sprachen beherrschen. Einen Ausweg sieht Reichardt daher in internationaler Gruppenforschung.

Erprobungsräume für neue Forschungszusammenhänge

Damit ist der Rahmen seiner eigenen Forschung angesprochen: Seine Kontakte zur Historikerin Victoria de Grazia (Columbia, New York) konnte er während seines Fellowships und ihres Gastaufenthaltes am Kulturwissenschaftlichen Kolleg Konstanz 2016/2017 ausbauen. Beide organisierten hier im Frühsommer 2017 zwei Tagungen mit Teilnehmer·innen aus 13 Ländern, die sich mit den globalen Verschränkungen der Achsenmächte und ihrer Vermittlungsakteure beschäftigten.

Reichardt betont, wie wichtig ein solcher institutioneller Ort für das Kennenlernen von anderen methodischen Ansätzen, Themen und Personen, also für das Erproben gemeinsamen Forschens ist. Die Kooperation war sehr fruchtbar: Zusammen mit Victoria de Grazia bereitet Sven Reichardt derzeit einen Forschungsantrag für den European Research Council vor. Die Faschismusforschung hat also auch hundert Jahre nach ihrem Beginn eine Zukunft.

jkr

Sven Reichardt

Prof. Dr. Sven Reichardt lehrt Zeitgeschichte an der Universität Konstanz. Er ist maßgeblich beteiligter Wissenschaftler des Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ und Co-Leiter des Doktorandenkollegs „Europa in der globalisierten Welt“. 2016 forschte er als Visiting Professor an der New School for Social Research in New York und 2016/2017 als Fellow am Kulturwissenschaftlichen Kolleg Konstanz.

Weiterlesen

Sven Reichardt: Globalgeschichte des Faschismus. Neue Forschungen und Perspektiven. In: (Anti-)Faschismus, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 67. Jg., Heft 42-43 (2017), S. 10-16. Volltext

Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. Köln: Böhlau 2009².

Arnd Bauerkämper and Grzegorz Rossoliński-Liebe (Hg.): Fascism without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe, 1918–1945. Berghahn 2017.

Fernando Esposito: Faschismus – Begriff und Theorien (Version: 1.0). In: Docupedia-Zeitgeschichte, 2016. Volltext