Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Händler, Siedler, Pilger – Globalisierung von der Antike bis zur Neuzeit

Bericht zum Universitätstag „Globalgeschichte“ 2016

Von Lara Treffeisen

Kann man schon in der Antike von Globalgeschichte sprechen? Welche globalen Tendenzen gab es im Mittelalter? Und wie gehen Historiker/innen der Neuzeit mit dem Thema um? Über 40 Schüler/innen des Hegau-Bodensee-Seminars kamen am 9. November 2016 neugierig an die Universität Konstanz, um mehr darüber zu erfahren. Der Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ hatte zu dem geisteswissenschaftlichen Universitätstag eingeladen.

Detail aus: Jan Vermeer van Delft, Der Geograf, 1668 (Original im Städel-Museum, Frankfurt M.).
Detail aus: Jan Vermeer van Delft, Der Geograf, 1668 (Original im Städel-Museum, Frankfurt M.).

Als eine „Geschichte von Fernzusammenhängen“ umschrieb Jürgen Osterhammel den Begriff „Globalgeschichte“ und stellte sich den Schülerinnen und Schülern augenzwinkernd als jemand vor, der sich „mit Globalgeschichte beschäftigt hat, als es den Begriff noch gar nicht gab“. Wer sich damit befasse, so warnte der Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz, müsse zwei Irrtümer vermeiden – zu meinen, dass erstens alles mit allem zusammenhänge und dass zweitens die Welt schrittweise zusammenwachse. Um zu verdeutlichen, welche besondere Perspektive ein Globalhistoriker einnehme, lud er die Gymnasiast/innen zu einigen Gedankenexperimenten ein: Das Nahe und Ferne als gleich wichtig zu verstehen; nichts als „fremd“ zu betrachten; den Blick zu öffnen dafür, wo die Dinge unseres Alltagslebens gemacht worden sind; und zu überlegen, was gleichzeitig anderswo geschah.

In vier Workshops lernten die Schüler/innen nicht nur unterschiedliche Themen der „Globalgeschichte“ über die Epochen verteilt kennen, sondern bekamen auch Einblicke in historische Forschungsarbeit.

Stefan Hauser, Professor für Archäologie an der Universität Konstanz nahm sich mit einer Schülergruppe unter anderem antike Inventarlisten, antike Abbildungen von Handelssituationen und Schiffswracks vor. „Sehr interessant fanden wir, dass schon in der Antike sehr genaues Kartenmaterial existierte“, meinte die Schülerin Sonja Schächtle. Fernhandel in der Antike, etwa mit damals exklusiven Gütern wie Gewürzen, Edelsteinen und auch Seide, bedeutete eine große logistische Leistung. Antike Kaufleute brauchten gute Kenntnisse der Geografie, aber auch des Marktes und, als technische Voraussetzung, entsprechende Transportmittel.

Jan Marco Sawilla und Sandro Liniger im Workshop mit Schüler/innen
Jan Marco Sawilla (r.) und Sandro Liniger im Workshop mit Schüler/innen

Auch im Workshop „Von Karten, Kanonen und der Wildnis – Neue Welten in der Frühen Neuzeit“ unter der Leitung von Dr. Jan Marco Sawilla und Dr. Sandro Liniger arbeiteten die Teilnehmer/innen mit historischen Quellen. Dabei lernten sie, dass Schilderungen von Ereignissen von der Perspektive des Verfassers abhängen. Anhand von zeitgenössischen Tagebucheinträgen erarbeiteten die Schüler/innen die englische und die französische Sichtweise auf Braddock’s Defeat, eine Schlacht auf amerikanischem Boden zwischen Truppen beider Nationen. Sie fanden heraus:

„Es handelte sich um keine einfache Konfrontation zweier europäischer Mächte, sondern auf beiden Seiten gab es Verbindungen zu indigenen Kämpfern, wobei die Ureinwohner in der französischen Truppe deutlich weniger Ansehen genossen als in der englischen.“

Wenn unterschiedliche Menschen aufeinandertrafen, musste dies jedoch nicht immer zu Konflikten führen: Der Workshop von Dorothea Weltecke, Professorin für die Geschichte der Religionen am Exzellenzcluster, widmete sich den monotheistischen Weltreligionen im Mittelalter. Schon damals wurde viel gereist; das führte wiederum dazu, dass Juden, Christen und Muslime überall auf der damals bekannten Erde verteilt lebten.

Auszüge aus zeitgenössischen Reisetagebüchern zeugen von religiösem Pluralismus und Toleranz. „Schon damals sind Menschen mit verschiedenen Religionshintergründen aufeinandergetroffen und einigermaßen miteinander klargekommen“, so eine Schülerin: Die Begegnung mit Angehörigen fremder Religionen führten den Menschen im Mittelalter vor Auge, wie andere ihrer Religion ausübten und wie deren Alltag aussah.

Überrascht darüber, wie nicht nur unterschiedliche Anschauungen, sondern auch Güter in alle Welt exportiert wurden, zeigten sich die Teilnehmer/innen des Workshops von Laura Rischbieter, Juniorprofessorin für Wirtschaftsgeschichte. „Die Welt in der Kaffeetasse: Mikrogeschichten der Globalisierung“ beleuchtete die Geschichte des globalen Handels am Beispiel des Kaffees. Durch das enorme Handelsvolumen entstand im 19. Jahrhundert eine Kaffeebörse, an deren Vorgaben sich die internationalen Preise orientierten. Diese waren abhängig von verschiedenen Faktoren, wie beispielsweise den Herkunftsmerkmalen der Bohnen, ihren Wachstumsbedingungen, der angewandten Sorgfalt bei ihrer Ernte, Aufbereitung und ihrem Versand sowie den individuellen Geschmackspräferenzen der Konsumenten, wie die Schüler/innen in Kleingruppen herausfanden.

Durch Rückblicke in die Geschichte der Globalisierung konnte der Universitätstag auch zum besseren Verständnis internationaler Verflechtungen in der heutigen Welt beitragen und hinterließ Begeisterung bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern:

„Wir haben wirklich etwas dazugelernt und freuen uns schon auf das nächste Jahr.“